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Nachtbriefe V/2012


Nachrichten aus Kaduna Nr. 120

- Hilfe die Container kommen -

Düsseldorf, den 11. April 2012

 Das gestrige Telefonat war ganz so wie in alten Zeiten: einmal wählen, einmal klingeln lassen, am anderen Ende meldet sich Yahaya mit der Frage: Hallo Bernd, na wie geht`s? Darüber war ich gleich zweimal verblüfft: einmal, weil ich gestern das genaue Gegenteil erlebt hatte, auch nach einer 1-stündigen Wahlwiederholungstortur blieb die Leitung tot. Yahaya hatte meine Anrufe zwar erhalten, aber es gab keine Sprachverbindung, weder hier noch dort. Und ein zweites Mal war ich verblüfft, weil bei unserem letzten Telefonat vor drei Tagen sie sich in ihrer Woihnung in Kaduna verbarrikadiert hatten, denn sie befürchteten einen Racheakt von christlichen Jugendlichenl. Aber der war ausgeblieben und so konnte Yahaya gestern nach Kano fahren, wo sie eine Vorführung hatten. Auf meineFrage, wie die Menschen sich jetzt verhalten, erhielt ich die schlichte Antwort: das Leben hat sich schnell wieder normalisiert, was bleibt uns übrig. Im übrigen ist es ungleich schwerer, wenn kleine Kinder sich im Haus befinden, spätestens nach 30 Minuten wollen die raus und die Eltern können das nicht zulassen. Da kommt man aber ganz schnell an seine physischen und psychischen Grenzen, denn den Wahnsinn erklären kann man kleinen Kindern nicht.
   
Jetzt ist er also nach Kano gefahren, hier gab es über die Osterfeiertage keine Anschläge, genauer muss ich sagen keine erfolgreichen, denn ein Versuch wurde rechtzeitig entdeckt. Kano hat sich zum neuen SAVE80 Zentrum entwickelt und daher muss ganz schnell einBüro gesucht werden, sowohl für das SAVE80- Team als auch für das noch zu bildende Team für den Verkauf des Envirofit-Kochers. Ein Büro hatten sie fast angemietet, sehr sicher gelegen, nur 100 m entfernt von einer Polizeistation. Doch was im letzten Jahr noch als Toplage galt ist heute unvermietbar. Denn erstens ist alles im Umkreis von 500 m um eine Polizeistation oder eine Kaserne höchst gefährdet (bevorzugtes Ziel von Boko Haram Leuten) und zweitens wirst Du 500 m vor Deinem Büro mehrmals von der Polizei auseinandergenommen und gefilzt und befragt, da bleiben Dir alle Kunden weg bei dieser Behandlung. Also müssen wir ein neues Büro suchen und diese kitzlige Aufgabe wird Abba Bello übernehmen, unser Vorstandsmitglied und Rechtsanwalt, und auch gleich den Vertrag aushandeln, das kann er.

Heute ist Donnerstag und heute soll der Lastwagen mit dem SAVE80-Container von Lagos abfahren. Wenn es keine technischen Probleme gibt - und wenn sie keine Abkürzung wählen - dann wird der Lastwagen am Wochenende unser Farmgelände erreichen und dort abgeladen werden. Dazu muss der große Kran aus Kaduna bestellt werden, das kostet natürlich ein Schweinegeld, denn die 25 km über die Autobahn muss extra bezahlt werden. Es könnte so schön sein, wenn in diesem Augenblick der zweite Truck mit dem Buscontainer um die Ecke biegen würde, dann hätte der Kran zu tun und die Aktion würde sich lohnen. Diese Geschichte ließe sich noch toppen, denn Container Nr. 3 ist ebenfalls angekündigt, aber der wird wohl erst noch ein paar Tage im Hafen von Lagos verbingen müssen. Sein Inhalt sind 3.200 Envirofit-Sparkocher G3300. Davon hatte Yahaya bereits 200 verkauft, alle ohne große Mühe. Von diesem Erfolg ist Envirofit so angetan, dass sie in China gleich einen ganzen Container für Yahaya bestellt haben. Also dann wird es eng auf dem Gelände, aber zwei Container werden wieder verkauft, der dritte ist unser Eigentum.
Aus Berlin haben wir Post erhalten, von atmosfair. Es handelt sich um ein neues Business-Modell, für solche Geldgeber, die gleich ganze Container ordern und auch selbst die Vermarktung und den Vertrieb übernehmen. Es handelt sich um eine nigerianische Bank und dafür hat atmosfair ein neues Business-Konzept entworfen. Yahaya hat noch ein paar Fragen, die wir in den nächsten Tagen klären müssen, denn diese Chance wollen wir uns nicht entgehen lassen, eine Bank als Partner zu gewinnen. Zuerst muss sie allerdings beweisen, dass sie das Geschäft versteht, 200 Kocher sind als Test vorgesehen und Yahaya muss das Bankteam einarbeiten. Also schau`n wir mal.

Yahaya hatte ich die Nachricht schon am Freitag mitgeteilt, worauf wir seit Wochen warten: die Niedersächsische Bingo-Umweltstiftung hat unseren Antrag auf Fertigstellung des Flaschenbungalows genehmigt und damit steht uns ein entspr. Geldbetrag zur Verfügung, mit dem wir das Dach auf den Bungalow setzen können und den Rohbau auch innen fertigstellen können. Das ist eine sehr wichtige Nachricht die mächtig Auftrieb gibt, denn mit der beginnenden Regenzeit drohte uns das halbfertige Gebäude wegzuschwimmen. Jetzt können wir es ausbauen und den Besuchern endlich das fertige afrikanische Standardhaus präsentieren.

Und es gibt noch eine erfreuliche Nachricht: alle Solarlampen wurden verkauft. In Zamfara hatte Akai sogar einen Solarbaukurs durchgeführt und diese Solartechniker haben innerhalb kurzer Zeit alle ihre Lampen verkaufen können. Jetzt gibt es keine Einzelteile mehr, weder Batterien noch LED-Lampen noch Solarpanele, es muss alles neu geordert werden. Diese Nachricht wird Arwed besonders erfreuen, denn der Verkauf der Lampen war bisher immer ein Problem gewesen, keiner der Techniker hatte sich als Spitzenverkäufer bewährt. Und jetzt diese Überraschung, da müßte man nachfragen, wie sie das zustande gebracht haben.

Und eine letzte gute Nachricht habe ich auch noch: Yahaya bzw. D.A.R.E. ist von der Weltbank zur Carbon Expo eingeladen worden, die vom 30. Mai bis 1. Juni in Köln stattfindet. Mit der Einladung ist auch die Übernahme der Reisekosten verbunden und zudem darf er kostenlos einen Stand aufbauen und unser CDM-Projekt in Nigeria darauf präsentieren. Wir werden ihm dabei behilflich sein und jeder sollte sich diesen Termin schon mal vormerken. Apropos Termin, es gibt noch weitere: am Sonntag dem 10. Juni werden wir am Rheinufer vor dem Unwelt-Informations-Zentrum (UIZ) all unsere Projekte der interessierten Öffentlichkeit präsentieren. Und in den darauf folgenden Tagen, also Montag, 11.6. bis Donnerstag den 14.6. wird es täglich einen Vortrag aus einem unserer afrikanischen Partnerländer geben: Die Folgen des Klimawandels im Tschad, in Togo, in Madagaskar und in Nigeria.
Für heute reicht diese Nachrichtenfülle erst einmal und ich bin mehr als glücklich, dass wir dieses mal ausschlißlich positiveNachrichten vermelden können, aus einem Kontinent, der sich sonst fast nur durch negative Schlagzeilen auszeichnet. Drücken Sie dieDaumen, dass die Situation lange anhält.
Mit den besten Grüßen aus der Nacht
Bernd Blaschke




Nachrichten aus Kaduna Nr. 119


Düsseldorf, den 01.03.2012
Liebe Kaduna-Freunde,
dieser Nachtbrief ist quasi die nahtlose Fortsetzung von Nr. 118, denn es gab ein langes Telefonat am 29.2. und zudem bis dahin eine längere Pause, da kommt also einiges zusammen, worüber unbedingt berichtet werden muss. Hier will ich über den letzten Stand unseres Flaschenhausprojektes berichten und anfangen kann ich mit dem Hinweis, dass Andreas Froese, unser Flaschenbaumeister, seit Anfang Dezember sich in Nigeria befindet. Dies war etwas überraschend, denn geplant war seine Ankunft erst Ende Dezember, aber wir konnten Andreas Hilfe gut gebrauchen, denn unser Flaschenbungalow war noch immer nicht fertig geworden, es fehlt das Dach und der Innenausbau, diese Arbeiten sollten Anfang 2012 durchgeführt werden. Zur Fertigstellung benötigen wir aber auch etwas Geld, denn sowohl die Dachkonstruktion wurde aufwändiger als ursprünglich geplant und auch der Innenausbau sollte mehr Komfort aufweisen. Warum? 1. Das Dach muss jetzt nicht nur den eigentlichen Flaschenbungalow sondern auch den Zwischentrakt (hier werden zwei Badezimmer eingerichtet) zum Nachbarbungalow überdecken. Der Flaschenbungalow soll einerseits als Wohnbungalow genutzt werden, andererseits soll er als Musterhaus eine Dauerausstellung werden, in der Interessenten gezeigt werden, was man mit einem Flaschenhaus erreichen kann: das afrikanische Standardhaus, ausgestattet mit elektrischem Licht aus einer Solaranlage, die zumindest für Raumbeleuchtung, Kühlschrank, Deckenventilator, Anschluss für Notebook und Außenbeleuchtung ausreichend Strom liefert; das Warmwasser liefert eine Thermosyphonanlage auf dem Dach, das Wasser stammt aus dem benachbarten Brunnen und dann eine moderne, d.h. Trenntoilette, deren „Produkte“ verwertet werden sollen (einmal zur Düngung und das andere wird in einer Kompostanlage verwertet (evtl. auch in einer Biogasanlage, wenn mehrere Häuser dazuliefern)). 2. Zum Ausbau gehören auch die Teile Fenster und Türen und hier werden außer den Fensterflügeln auch Moskitoschutzgitter und einbruchsichere Fenstergitter benötigt, ebenfalls eine stabile, einbruchsichere Außentür. Hierfür haben wir bei der Bingo-Umweltstiftung einen Zuschuss beantragt und alle Beteiligten hoffen auf Zustimmung.

Schon bei Andreas erstem Aufenthalt im Juli letzten Jahres hatte er Besuch aus Kaduna erhalten, die Oberin der kathol. Schule in Kaduna hatte sich auf dem Farmgelände eingefunden, um sich davon zu überzeugen, dass man aus Plastikflaschen ein Gebäude errichten kann. Der Besuch kam zustande, weil Chris schon lange mit der Schule zusammen-arbeitet und er hatte die Oberin eingeladen. Sie kam und war begeistert und kurzentschlossen bat sie Andreas, auf dem Schulgrundstück ebenfalls einen kleinen Bungalow zu errichten. Der würde so positioniert werden, dass er von den Eltern und Besuchern jeden Tag besichtigt und bewundert werden kann. Wie gesagt so getan und es waren die ersten Aktivitäten für Andreas, auf dem Schulgelände sich um den Bau eines Schulpavillons zu kümmern. Positiv war dabei der Umstand, dass die Oberin ihm eine Unterkunft in der Schule anbieten konnte, negativ war, dass bereits Anfang Dezember die Weihnachtsferien begannen und so die Belieferung mit Plastikflaschen durch die Schülerinnen und Schüler erst einmal ins Wasser fiel. Entsprechend langsam gingen die Arbeiten voran, denn nun musste mehr organisiert werden als gedacht. Erst Anfang Januar waren alle Materialien zusammen und dann konnte es losgehen. Als dann in der zweiten Januarwoche die Schulkinder zurück aus den Ferien kamen konnten sie schon das Fundament und die ersten Flaschenreihen sehen und entspr. groß war die Zuschauermenge. Die letzte Etappe war das Dach und hier wurde es wieder etwas kompliziert, denn ohne fremde Hilfe ging hier nichts. Schließlich organisierte Chris einen einheimischen Metallhandwerker (Bauschlosser würden wir hier sagen), der eine metallene Dachkonstruktion anfertigte und darauf die Bleche legte. Der Schulpavillon in der kathol. Schule in Kaduna



Um den Monat noch voll zu machen hat Andreas dann noch in kurzer Zeit einen Wassertank gebaut und dann wurde der Pavillon feierlich eingeweiht, wovon es leider keine Bilder gibt. Jetzt ist also die Arbeit in der Schule beendet und Andreas ist auf unser Farmgelände umgezogen. Dort sind die Unterkünfte – 2 Räume - einfach, z.B. gibt es keinen Strom, aber wozu haben wir unsere Solartechnik. Unterkünfte schreibe ich bewusst, denn inzwischen ist zu Andreas ein Partner hinzugestoßen: Ole aus HH. Er hat sein Studium als Bauing. abgeschlossen und hat von Andreas und seinen Flaschenhäuser gehört. Nachdem wir uns per eMail unterhalten haben und dann auch in Düsseldorf trafen hat er sich entschlossen, ebenfalls nach Nigeria zu gehen und sich mit Andreas treffen und die neue Bautechnik persönlich anzuschauen. Außerdem will er etwas Handfestes tun und ich habe ihm versprochen, dass er dort ein innovatives Projekt finden und interessante Leute treffen wird. Jetzt sind 4 Wochen vergangen, Ole ist noch immer in Nigeria und ich habe das Gefühl, dass er mit dem Projekt sich gut angefreundet hat, denn es gibt reichlich zu tun. Andreas hat Pläne gemacht, denn wir haben noch keine Nachricht von der Bingo-Stiftung, und es muss irgendwie weiter gehen. Also will er zusammen mit Chris auf privater Ebene einen Flaschenbaukurs durchführen, macht einen Flyer dafür und sie suchen Interessenten. Kursteilnehmer sind das wichtigste, aber diese benötigen – und erwarten es auch – eine gewisse Infrastruktur, z. B. eine Hütte worin man schlafen kann, eine Küche worin man versorgt wird und natürlich immer wieder: Wasser und Toilette. Also haben sich Andreas und Ole daran gemacht, etwas Provisorisches zu bauen und davon habe ich auch schon Bilder erhalten. Wie man sehen kann sind die Küche und die beiden Toilettenhäuschen fertig, zwar nicht aus Flaschen errichtet, aber in der Kürze der Zeit war dies nicht möglich, wird nachgeholt. Die Schlafunterkünfte befinden sich im Nachbardorf, für ein paar Euro pro Nacht einfach aber sauber, vielleicht auch mit Frühstück.



Hier auf dem Bild ist der überdachte Arbeitsplatz zu sehen, an der Ecke links vorne ein Wassertank, der das Regenwasser sammelt und ganz links am Rand das neue Küchenhäuschen. Also alles einfach, aber dafür sind die Teilnehmerkosten gering und jetzt könnte es losgehen. Im nächsten Nachtbrief kann ich bestimmt berichten, wie der Kurs angelaufen ist und ich bin auch sehr optimistisch, dass uns die Bingo-Stiftung bald grünes Licht gibt, um den Flaschen-Bungalow weiter bzw. zu Ende zu bauen. Es ist ja nicht so erquicklich, den Besuchern erklären zu müssen, warum und wie lange es nicht weitere geht. Mit dem Telefonieren, ja das muss ich noch erklären, funktioniert es nicht mehr so gut wie ein Jahr zuvor. Konnte ich letztes Jahr noch eine Flasche Sekt darauf wetten, dass ich ab 23 Uhr Yahaya garantiert erreichen konnte, hat sich das leider in das totale Gegenteil gedreht. Und es betrifft nicht nur die Auslandsgespräche, sondern auch die Inlandsgespräche werden unzuverlässig verbunden und bevor es zu einer Verbindung kommt hat man sich die Finger wund gewählt. Das Telefonieren ist nichts für Leute mit schwachen Nerven und es ist mir unerklärlich, wie eine moderne und wachsende Volkswirtschaft ohne ein funktionsfähiges Mobilnetz funktionieren kann. Ich hatte schon im letzten Nachtbrief berichtet, dass die Fahrt nach Kano mehr als doppelt so lange dauerte und so warteten die Gastgeber ab 11 Uhr auf unser Team. Aber nach zwei Stunden Warterei war die Geduld am Ende und die Frauengruppe löste sich auf, auch weil man keine Verbindung zu Yahaya bekam. Der saß verzweifelt im Auto, 10 km vor dem Ziel, eingekeilt in einem Straßensperrenstau und konnte seine neue Ankunftszeit nicht durchgeben. Also bekam er um 13.30 bei seinem Eintreffen nur die Chefin zu sehen und man hat sich dann zumindest für den nächsten Tag verabredet (der dann auch ein voller Erfolg wurde). Also von dieser Stelle aus eine herzliche Bitte an die nigerianische Regierung: Bringt Euer Mobilnetz auf internationales Niveau! Ich telefoniere auch regelmäßig mit Madagaskar (!), das funktioniert wesentlich besser liebe Freunde. Ein paar interessante Neuigkeiten hebe ich jetzt für den nächsten Nachtbrief auf und sage für heute Gute Nacht. Bernd Blaschke

Den Nachtbrief Nr. 119 können Sie hier als pdf-Datei herunter laden


Nachrichten aus Kaduna Nr. 118


Nigeria ist unsere Sparkasse

 Düsseldorf, den 29.02.2012
Liebe Kaduna-Freunde, mit Entsetzen sehe ich, dass mein letzter Nachtbrief vor 8 Wochen erschienen ist, also höchste Zeit für den nächsten, denn es ist auch eine Menge passiert. Heute habe ich mich zuerst erkundigt, wie es Yahaya und seiner Familie und seinen Leuten ginge, worauf er antwortete, dass derzeit das Leben ziemlich schwierig sei. Es ist jetzt weniger die Angst, dass an der nächsten Ecke ein Selbstmordattentäter Dich in der Luft zerreißt, sondern es sind die vielen Beeinträchtigungen, die mit den Straßenkontrollen verbunden sind. Hinter nahezu allen Überfällen und Anschlägen steckt die Organisation Boko Haram, aber auch dort gibt es Veränderungen: bisher eine streng fundamentalistische muslimisch ausgerichtete Terrorgruppe haben die Sicherheitskräfte zum ersten Mal auch nicht-muslimische Anhänger entdeckt und es steht zu befürchten, dass Boko Haram zu einem Sammelbecken der Unzufriedenen hin sich verändert. Sie haben in manchen Stadtteilen den Rückhalt in der Bevölkerung, schwimmen in der Masse mit und sind damit die Nadel im berühmten Heuhaufen, die nur durch Zufall entdeckt wird. Es wird noch verrückter wenn man den Polizeiberichten glauben darf: nicht jeder Brandanschlag auf christliche Kirchen wird von muslimischen Tätern verübt und umgekehrt, einige Brandaktionen auf Moscheen wurden von Muslimen ausgeführt. Hier wird künstlich der Hass geschürt und man schreckt auch nicht vor eigenen Opfern zurück. Seine heutige Fahrt von Kaduna nach Kano dauert normalerweise 2,5 Std., heute haben sie 5,5 Std. benötigt. 17 Kontrollposten wurden passiert, an 13 musste der Berlingo komplett ausgeräumt werden und jedes Teil wurde hochgehoben und umgedreht. Das nervt und entspr. geschlaucht sind unsere Leute, denn nun dauert der Ausflug nach Kano – sonst ein Tag – drei Tage. Hinzu kommen die verdammt hohen Spritpreise und der Umstand, dass alle Nigerianer über Nacht deutlich weniger Geld im Portemonnaie haben. Dies hat zur Folge, dass bei nahezu jedem Verkauf die Ratenzahlung gewählt wird, eine Barzahlung ist heute die absolute Ausnahme, und so haben sie zwar viel zu tun, tragen aber wenig Geld nach Hause. Darum hat Yahaya gemeint, wenn der Tag kommt, dass es uns wieder besser geht, dann werden wir von den Nairas nur so überrollt, bis dahin aber muss der Gürtel enger geschnallt werden. Ich wünsche es uns. Denn noch vermeidet Yahaya, auch den Preis für den SAVE80 anzuheben, obwohl alleine durch die Verdoppelung der Spritpreise er teurer werden müßte. Hinzu kommt, dass auch unsere Angestellten jeden Tag fragen, wie sie mit dem Geld auskommen sollen, also auch von dieser Seite kommt Druck. Aber unser Team gehört zu den Krisengewinnern, denn die Nachfrage nach unserem Herd wird von Tag zu Tag größer, in der augenblicklichen Situation ist ein sparsamer Herd Gold wert. Sie sind jetzt in Dreierteams
unterwegs, d.h. jeden Tag fährt irgend eine Gruppe übers Land, einen kleinen Toyota-Bus haben sie quasi ständig angemietet, die 3. Gruppe ist die Fußgruppe, die in Kaduna Town unterwegs ist. So ist Nosa mit zwei Begleitern und 15 SAVE80 nach Benin City aufgebrochen, das liegt über 600 km entfernt in südlicher Richtung, 75 km vor der Atlantikküste. Dort gibt es eine Frauen-NGO, die sich der Wiederaufforstung widmet und die haben von unserem SAVE80 gehört. Außer der sparsame Holzverbrauch interessiert sie besonders die Zubereitung von Reis, nur 250 gr. Holz für einen 8-l-Topf mit Reis? Das wollen sie unbedingt sehen, und die Käufer sind durch ein Losverfahren ermittelt worden. Yahaya ist sicher, dass er eine größere Nachbestellung erhalten wird, sobald die ersten Frauen damit gekocht haben und in Jubelrufe ausbrechen. Darum hat Yahaya bei der Vorsitzenden schon ´mal vorgefühlt, ob sie sich auch einen Weiterverkauf vorstellen könne, und sie kann das durchaus, sofern etwas Geld für die Mitarbeiter übrig bleibt, die dann für DARE arbeiten würden. Also, der Boden ist bereitet und da Nosa aus Benin City kommt und die Sprache Edo spricht haben wir auch keine Startprobleme. Die Frauengruppe besitzt sogar ein kleines Büro und eine kleine Infrastruktur, um z.B. eine größere Zahl von Kochern zu lagern. In der Zwischenzeit haben wir einen neuen Kocher im Angebot, das ist eine längere Geschichte und schon vor Jahren gab es Kontakte zu einer amerikanischen NGO, Envirofit, die vor knapp 10 Jahren gegründet wurde mit dem Ziel, vereinfachte und verbesserte Technologien für die 3. Welt herzustellen. Dazu gehört auch eine Kocherserie und zu unserem S80 gibt es ein Pendant: G3300. Zwar ist er nicht ganz so sparsam wie der unsrige, aber durch eine großzügige spendenbasierte Finanzierung kann er sehr billig verkauft werden, exakt für 20 Dollar. Envirofits Cookstove G3300
Wir waren uns sehr wohl bewusst, welches Risiko damit verbunden ist, wenn wir mit beiden Kochern antreten, denn eines lieben unsere Kunden über alles: den billigsten Kocher. , Und wir würden ihm aus ökologischer Sicht nur das Prädikat ausreichend erteilen, weil sein Feuerloch riesig ist, ganze Baumstämme finden darin Platz. Und genau dies ist sein größter Mangel: verbrannt wird was reinpasst und nicht was sinnvoll wäre. Aber gegenüber der 3-Steine-Feuerstelle ist er immer noch sparsamer und darum interessiert er uns. Was wir gemacht haben ist ein Deal mit Envirofit: ein Test mit 200 Kochern, die wir in Kano verkaufen sollen. Es gibt einen kleinen Vertrag darüber und nach dem Verkauf sehen wir weiter, denn auch das wird dabei getestet: die Gewinnspanne ist äußerst mager, fast ein Zuschussgeschäft. Dass er so billig im Vergleich zu unserem S80 ist liegt einerseits an der Qualität (Lebensdauer max. 5 Jahre) und zweitens wird kein Topf, keine Pfanne und keine Isolierbox dazu geliefert, es handelt sich also nur um den Kocher, mehr nicht. Jetzt hat Yahaya schon die Hälfte davon verkauft, obwohl er noch keine Werbung gemacht hat und ihn quasi unter der Ladentheke verkauft. Derzeit sollte man in Kano sich etwas zurückhalten, das Pflaster hier ist heiß und wir wollen unsere Leute nicht unnötig einer Gefahr aussetzen. Das verführerische an dem Geschäft ist das, was dahinter steht: die geballte Macht der Global Alliance for Clean Cookstoves. Aber auch Envirofit selbst ist ein potenter Partner und wir sind selbst sehr gespannt was sich hieraus entwickeln wird. Wer mehr wissen will, was Envirofit in 2012 auf den Markt bringen will kann sich hier schon mal informieren:



Interessant hierbei ist der Institutional Stove und die Solarprodukte. Da DARE in Nigeria selbst mit einer Solarwerkstatt in die Ausbildung gestartet ist könnten wir evtl. auch hiervon profitieren, aber es gibt noch keine Preise und daher heißt es, erst einmal abwarten bis die Solarlampe erhältlich ist, dann gucken wir uns diese einmal genauer an. Den institutional stove allerdings würde Yahaya sofort testen wollen, denn in Krankenhäusern, Universitäten und Gefängnissen z.B. werden riesige Mengen an Holz täglich verfeuert, das wäre ein lohnendes Geschäft. Dafür reicht natürlich der 8-l-Topf des SAVE80 nicht aus, 25 l sind das mindeste, 50 l wären noch besser und manche brauchen 100-l-Töpfe. Doch was kostet solch ein Monstrum? Fragen über Fragen, wir werden es bald erfahren. Ich merke gerade, dass das nächste Thema „Flaschenhaus“ noch einmal ein bis zwei Seiten umfassen wird, zu viel, um hier noch reingenommen zu werden, also kommt dieses Thema in die nächste Nachtausgabe. Mit den besten Grüßen Bernd Blaschke


Den Nachtbrief Nr. 118 können Sie hier als pdf-Datei herunter laden
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