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Nachtbriefe I/2009


Nachrichten aus Kaduna Nr. 70

14.06.2009

Liebe Freunde,

mein heutiger Nachtbrief steht unter der Überschrift: Ende gut – alles gut. Denn in den letzten 10 Tagen hat sich viel ereignet und entgegen der sonstigen Nachrichtenlage ist es diesmal eine einzige Glücksbotschaft, die ich Euch verkünden kann: unser lang erwarteter Container hat nach fast 11-monatiger Reise sein Ziel in Kaduna erreicht. Allerdings hat er von den 330 Tagen sich nur knapp 30 Tage bewegt, 25 davon auf dem Atlantik und 1,5 Tage auf den Straßen Nigerias, die restlichen 303,5 Tage hat er lediglich herumgestanden, die meist Zeit im Hafen von Lagos, die letzten 3 Monate auf dem Gelände einer ehemaligen Kaserne in der Nähe von Lagos. Diese Zeit ist nun zu Ende. Jetzt steht er auf dem Gelände, welches wir beabsichtigen anzumieten, ist also zuhause angekommen. Warum wir diese Nachricht so ausgelassen begrüßten kann man leicht nachempfinden, wenn man weiß, was wir alles in den Container hineingepackt haben: da ist zuerst ein kleines "Autochen", ein neuer Berlingo (Auslaufmodell) - zusammen mit 4 Ersatzreifen und einem Autoradio eine große Erleichterung für unsere Arbeit in Nigeria. Weiter ein paar Kisten mit Büroausstattung, u.a. zwei PC’s und unsere Solar-Power-Boxen, sowie drei Pavillons, die für Messen oder Ausstellungen benötigt werden. Besonders gewünscht war Werkstattausstattung (Schweißgerät, Stromgenerator, div. Sägen, Bohr- und Schleifgeräte, Schraubstock und kistenweise Nägel und Schrauben). Weiter gehören 5 Fahrräder plus Zubehör zum Containerinhalt, ein Batterieladegerät, zwei Nähmaschinen, Bag-in-Boxes und Einweckgläser sowie 50 Parabol-Solarkocher. Schließlich noch etliche Kisten mit medizinischen Artikeln, Geräte und Hilfsmittel sowie div. Kisten mit französischen Schulbüchern, die für unsere Partner im Tschad bestimmt sind.

Begonnen hat es mit einem Anruf aus Lagos, und was ein Anruf bewirken kann, ist kaum zu beschreiben. Y. hat nicht mehr verraten, als dass er sich jetzt schon auf dem Weg nach Lagos befindet, um sich dort mit unserem Agenten zu treffen, der ihn zu sich bestellt hat. Einen ganzen Tag hat er sich in Lagos aufgehalten, um sich dort als Besitzer des Containers auszuweisen. Das war nicht ganz einfach, aber bis um Abend war dieser administrative Akt erfolgreich absolviert. Noch am Abend kehrte er nach Kaduna zurück und mußte dann am nächsten Tag von seinem Agenten erfahren, dass er auf seinen Anruf im Hafen bzw. auf dem Lagerplatz die eigentlich schon längst erwartete Schreckensnachricht erhalten habe: der einzige auf dem Gelände tätige mobile Portalkran war über Nacht Opfer von Flammen geworden; es wäre zwar bereits eine Ersatzlösung in Aussicht genommen: Aus dem "nahen" Apapa-Hafen (42 km) sollte ein Ersatzkran herangeschafft werden. Nun ist ein Portalkran kein Lastwagen sondern mehr ein Verkehrshindernis, d.h. sein Transport mußte nachts auf abgesperrten Straßen erfolgen: Man könne nur hoffen, daß der Kran sich dabei nicht übernommen hat, dann könnte er im Laufe des Tages mit seiner Arbeit beginnen, aber vielleicht muss auch der Kranfahrer eine Pause einlegen - wir sollten noch etwas geduldig warten.

So also saß Y. in Kaduna und wartet auf den erlösenden Anruf, dass der Container nun endlich auf dem Lastwagen aufgeladen sei und seine Fahrt in Richtung Kaduna aufgenommen habe. Dann dauert es bis zum Eintreffen etwa 24 Stunden und ich habe ihm zugeredet, dass er das Eintreffen noch miterleben müsse, denn eigentlich besaß er ein Flugticket und hätte jetzt schon im Flieger sitzen müssen. Mehr noch, er müsse sich sogar soviel Zeit nehmen, um den Container zu öffnen und das Auto persönlich heraus zu fahren, das muss sein.

Dafür haben wir ein anderes Problem: das Personal kann nicht mehr sinnvoll beschäftigt werden und zwei Leute haben uns jetzt verlassen. Was uns besonders bedrückt ist auch der Kündigungsgrund: Die UNO oder auch die (deutsche) GTZ zahlten deutlich mehr als unser kleiner Verein. Darauf fällt uns einiges ein, aber die nigerianischen Mitarbeiter haben so ihre eigenen Vorstellungen: Jeder der mit europäischen Vereinen zusammen arbeitet hat reichlich Geld...

Sobald Y. den Container abgefertigt hat, beginnt also die Personalsuche und -ausbildung wieder von vorne. Das ist kein kleines Problem, was da auf uns zukommt, denn es gibt natürlich nicht die fertig ausgebildete Verkäuferin, die auch vor einer größeren Gruppe reden kann und dazu noch für diese ein kleines Gericht kochen und dabei die Vorzüge des SAVE80 erläutern kann.

Aber es gibt auch gute Nachrichten: Im Büro von DARE geben sich die Bürgermeister und Pastoren die Klinke in die Hand, um einen Besuchstermin mit Y. zu vereinbaren. Jedoch zögert Y. mit Vorführungen auf den Dörfern, denn er weiß, dass anschließend die ersten Bestellungen aufgegeben werden mit dem Hinweis: besonders eilig. Doch wenn man nur noch wenige Kocher auf Lager hat, kann man eine sofortige Lieferung schon gar nicht zusagen. Aber auch auf die Frage, wann denn der Container mit der nächsten Lieferung von SAVE80 eintrifft, muss er derzeit eine Antwort schuldig bleiben, denn jetzt liegt der Ball wieder in Deutschland und hier stockt es, weil der TÜV mit seinen Arbeiten an der Validierung nicht vorankommt...

Jetzt laufen die ersten Meldungen aus den inzwischen belieferten Dörfern ein, die Mundpropaganda funktioniert fantastisch und geht etwa so: Die S80-Besitzerinnen klauben vor ihrer Hütte lediglich ein paar Stöckchen für ein Essen zusammen, während die Betreiberinnen der Drei-Steine-Feuer bei Regen weite Wege über schlammiges Gelände gehen müssen, um (nasses) Holz zu finden. Inzwischen werden die Frauen immer einfallsreicher, um in den Besitz eines SAVE80 zu kommen: Manche schleppen ihre Männer zum Pastor, damit dieser den Namen auf die Bestelliste setzt. Andere Frauen (mit störrischen Ehegatten) schließen sich zu Interessengruppen zusammen, sammeln Geld für die erste Rate und schon gibt es eine stolze Besitzerin eines SAVE80. Bis zum nächsten Monatsende haben die Frauen auch die zweite Rate zusammen und so geht es weiter, bis auch die letzte der Frauen unseren Wunderofen besitzt. Wozu benötigen wir dann noch eine Mikro-Kreditbank?

Und ein Tipp bei dieser Gelegenheit an unsere verehrte Leserschaft: Wenn ihr jetzt nach Nigeria fahren solltet, steckt genügend Geld für die Taxifahrten ein. Zwar ist der Kurs für den Naira in den letzten Tagen gegenüber dem Euro dramatisch eingebrochen (von 200 Na auf 225 Na), aber die Taxifahrer haben im Gegenzug ihre Preise um 200% angehoben, denn die oftmals mehrtägigen Wartezeiten vor den Tankstellen und die horrenden Schwarzmarktpreise für Benzin werden ohne lange Umstände auf die Kunden abgewälzt. Für uns bedeutet das, dass wir jede Fahrt in die Dörfer gut überlegen müssen und jede Lustfahrt ist tabu.

Ich schweife ab, während die Nachrichtenlage immer aufregender wurde: Der Lastwagen mit unserem Container war gestern um 21 Uhr von Lagos abgefahren. An Bord befanden sich neben dem Fahrer und einigen Beifahrern auch ein Vertreter unserer Spedition, jedoch kein Mitglied der deutschen Botschaft, kein Minister oder Staatssekretär aus Abuja, kein Zollchef, der den Wagen sicher durch die Nacht steuert, nein unseren Container haben wir ausschließlich mit Hilfe des einheimischen Agenten heraus bekommen. Wir werden irgendwann dieses Thema noch einmal aufgreifen. Y. wußte inzwischen, dass wohl nichts daraus wird, das Auto aus dem Container zu fahren, denn die Batterie wird ziemlich leer sein, die muss sich erst einmal an der Tankstelle beim Aufladen erholen. Er hatte auch schon einen großen Kran besorgt der in der Lage ist, die 12 Tonnen sachte herunterzuheben, nicht wie beim letzten Mal, wo hinten am Container zwei Lastwagen sich festgekrallt hatten und der Truck Gas gab und nach vorne losstartete und unser Container mit Krachen auf den Boden fiel.

Die Ankunft hing jetzt stark von der Verfassung des Fahrerteams ab und vom Zustand auf den Straßen. Wir rechneten damit, dass noch am Mittwoch der Container Kaduna erreicht und dann bedient Yahaya mit der einen Hand sein Handy, um mich anzurufen, mit der zweiten wird er ein paar Bilder schießen und sich dabei die Freudentränen aus den Augen wischen: Nach nahezu 12 Monaten endlich die geliebte Kiste in die Arme zu schließen, das ist ein wunderbares Gefühl und wir alle freuen uns und feiern mit.

In der Nacht zum Donnerstag habe ich wieder mit Y. telefoniert, habe es um 1 Uhr nicht mehr ausgehalten vor Ungeduld. Aber es passierte da einiges, wenn auch nicht nach Plan. Der Lastwagen mit unserem Container lag mit einer Reifenpanne etwa 250 km vor Kaduna, eine Reparatur mit Bordmitteln nachts war unmöglich, der Wagenheber schafft nur den Lastwagen unbeladen, sie mußten also bis zum Morgen warten, dann Ersatzreifen aufziehen und es könnte weitergehen. Yahaya rechnete damit, dass bis Mittag der Tross eintreffen müsste, also verschoben wir die Knallerei und ließen die Sektflasche noch ein paar Stunden im Kühlschrank reifen. Doch unsere Überlegungen waren Theorie, die Praxis sah anders aus: Der kaputte Reifen war einer der inneren Zwillingsreifen und eine solche Reparatur dauert lange und ist auf der Straße sehr anstrengend; es wurde also die nigerianische Lösung bevorzugt und die heißt: weiterfahren. Zwar hatte der zweite Reifen nur geringen Reifendruck, also langsam mit 25 km/h bis zur nächsten Tankstelle, dort wurde der Reifen aufgepumpt und dann ging es mit 50 km/h flott weiter. Auf diese Weise kamen sie früher an als gedacht, gegen 7.30, somit hatte Y. nur eine kurze Nacht: Unsere Freunde haben sich, nachdem der Container abgeladen und geöffnet war, zuerst auf den Berlingo gestürzt. Da die Originalbatterie (wie erwartet) leer war, wurde eine andere herangeschafft und angeschlossen und natürlich sprang unser Wagen sofort an und setzte sich gehorsam in Bewegung. Daraufhin waren alle total aus dem Häuschen und jeder wollte unbedingt eine Proberunde auf dem Gelände fahren. H. habe Freudentränen geweint: Ein ganz neues, jungfräuliches, elegantes, silbergraues Auto - so etwas hatte sie noch nie in ihrem Leben erlebt. Sofort wurde eine Sprudelflasche geholt und damit der Wagen getauft. Von den ersten Stunden gibt es ein paar Fotos und Yahaya will morgen in Minna - dort trifft er sich mit anderen Grünen zum Vorbereitungstreffen für die Konferenz im August - ein Internetcafe aufsuchen und uns ein paar erste Fotos schicken.

Wir konnten nur vor unserem geistigen Auge mitfeiern und uns mitfreuen, aber zumindest kann ich jetzt die kleine Piccolo aus dem Kühlschrank holen, die dort seit Wochen auf diesen Tag warten mußten. Ich freue mich und verbinde damit die inständige Hoffnung, dass die nächsten Container nicht auch eine solch aufregende Reise erleben müssen.




Nachrichten aus Kaduna Nr. 69


02.06.2009

Liebe Freunde,

mein heutiger Nachtbrief steht unter der Überschrift:

Und er bewegt sich doch.

Y. hat gestern am späten Nachmittag einen Anruf von unserem Clearing Agent aus Lagos erhalten, Sie erinnern sich, das ist der große Bruder vom Shipping Agent, mit dem Hinweis, er möge seinen Pass mitbringen. Das ist schon sehr verdächtig, denn den Pass muss man vorlegen um sich als Besitzer eines Containers ausweisen zu können. Darum fährt Y. heute früh um 6.30 los nach Abuja (der Flughafen in Kaduna ist noch immer gesperrt), will um 11 Uhr den Flieger nach Lagos erreichen und trifft demnach um 12.00 in Lagos ein. Dort wird er sich auf schnellstem Wege zum Büro von K. begeben und dann sehen wir weiter. Welch eine Aufregung! Wenn alles sehr gut geht, kann er am Abend noch das Flugzeug nach Amsterdam erreichen, vielleicht auch erst am Donnerstagabend, aber das wäre auch noch gut. Der Container soll nach Kaduna und dann bereits auf das neue Gelände, wo auch das neue Büro sich befindet.

Die Frage des neuen Büros in Kaduna wird langsam konkret, denn wir müssen Mitte Juli dort raus und haben noch keinen Vertrag für ein neues. Aber Y. hat eines ausfindig gemacht und gestern beim Chef noch einmal sich in Erinnerung gebracht. Alles sei in Ordnung bekam er zur Antwort, doch die Mietdauer von 10 Jahren ist gewöhnungsbedürftig. Aber vor dem Einzug muss einiges gemacht werden und darum ist jetzt der richtige Termin für Unterschrift und für den Start der Renovierungsarbeiten. Und dabei erinnerte mich Y. an die viel zu kleine S-P-B (Solar-Power-Box) und auch daran, dass die neuen CDM-Mitarbeiter jeder einen PC benötigen. Das wird wieder ein übergewichtiges Handgepäck, denn hier in meinem Büro liegen schon Scheinwerfer, die für die Hörsaalbeleuchtung für die Uni in Kano vorgesehen sind und das kleine Solarequipment von H. M. liegt auch bereit.

Hier in Düsseldorf wird Y. zuerst das Franz-Jürgens-Berufskolleg besuchen, denn hier ist für Freitag ein Agenda-Tag vorgesehen und mit den Schülerinnen und Schülern soll über die Auswirkungen des Klimawandels gesprochen werden und mit einigen wird anschließend ein Workshop veranstaltet, um den unterschiedlichen Energiebedarf zu ermitteln zwischen einem Drei-Steine-Feuer und unserem SAVE80.

Natürlich wollen wir uns auch alle mit Y. treffen, wahrscheinlich wieder bei Heinz in seiner Küche (unser Düsseldorfer Büro), ein Besuch bei a. in Berlin ist eingeplant, evtl. bei H. K. und dann natürlich in Schweden, denn die dortigen Grünen würden wohl unser Projekt unterstützen können und wir wollen ihnen einige Vorschläge unterbreiten.

In Nigeria wird in 2011 gewählt und es bietet sich die seltene Gelegenheit, unserem Projekt mehr Aufmerksamkeit und Nachdruck zu verschaffen. Dazu muss man wissen, dass alle die wieder gewählt werden wollen das Wahlvolk mit kleinen Aufmerksamkeiten bestechen und das ist in der Regel schon mal ein Fernseher. Aber was nützt der schönste Fernseher, wenn der Strom mitten in der Soap Opera ausfällt. Also muss den Abgeordneten und Gouverneuren beigebracht werden, dass unser SAVE80 erstens keinen Strom benötigt und zweitens einen fantastischen und lang anhaltenden (nachhaltigen?) Eindruck hinterlassen würde, wenn er an Stelle des üblichen Fernsehers verschenkt würde. Und sollte dann dieser Container mit den Wahlgeschenken länger als unbedingt nötig im Hafen von Lagos festgehalten, das Geschrei der Abgeordneten wird man bis hierher hören können.

Jetzt aber tauche ich erst einmal ab, denn in wenigen Stunden könnte ein Telefonanruf aus Nigeria kommen und sollte ich den verschlafen, nicht auszudenken.

Grüße von

Bernd


Nachrichten aus Kaduna Nr. 68

31.05.2009

Liebe Freunde,

meinen heutigen Nachtbrief möchte ich mit einigen touristischen Empfehlungen beginnen, denn es ist ja nicht ganz auszuschließen, dass der eine oder andere meiner Leser inzwischen so neugierig geworden ist, dass er Nigeria besuchen möchte. Den ersten Hinweis hat Y. besonders betont, betrifft die Nachtfahrten auf Nigerias Straßen. Laut Wikipedia ist Nigeria als der verkehrsmäßig am besten erschlossene Staat Schwarzafrikas, doch allein im Jahr 1988 verloren mehr als 9000 Menschen auf den nigerianischen Straßen ihr Leben. Gründe für diese erschreckend hohe Zahl von Verkehrstoten sind schlecht befestigte Straßen, überhöhte Fahrgeschwindigkeiten und fehlende oder nur spärlich vorhandene Verkehrszeichen. Unter "schlecht befestigt" sind die oft reifengroßen Löcher in der Straßenoberfläche zu verstehen, die ein Bus oder Lastwagen gerade noch unbeschadet übersteht, ein PKW bleibt aber oft mit Achsbruch darin glatt liegen. Und da in der Nacht diese Hindernisse oftmals zu spät erkannt werden, liegt der arme Tourist mit seinem defekten PKW hilflos auf der Straße und schwebt in Gefahr, vom nächsten LKW völlig demoliert zu werden. Dann kommen „Straßenräuber“ in Form von Abschleppfirmen oder Polizisten, die alle erst einmal eines wollen: Ihr Geld. Und zudem würde die Polizei die Nachtstunden für überraschende Straßenkontrollen benutzen, die sind beim gemeinen Volk sehr unbeliebt und auch der Tourist sollte solche Begegnungen tunlichst vermeiden.

Nun zu den guten Nachrichten: Sollte Ihre Reise Sie in den Norden führen, dann dürfen Sie es auf keinen Fall versäumen, auf der A2, das ist die Schnellstraße von Kaduna nach Kano, nicht nur die Dörfer rechter Hand zu besuchen – die christlichen - sondern auch die Dörfer zur Linken – die muslimischen. Dort leben die Bewohner unseres S80-Landes, denn in Kaduna State bringen Y. und seine Frau H. hier in dieser Region ihre Kocher unters Volk.

Wer es bis Kaduna geschafft hat, sollte die nächsten 600 km bis Jos nicht scheuen, denn ich zitiere wieder das Wikipedia-Lexikon: Wegen der reizvollen Lage und des angenehmen Klimas gehört Jos zu den beliebtesten Urlaubsorten in Nigeria.

Nun zu meinem Freund Y., mit dem ich in den letzten14 Tagen zweimal telefoniert habe. Unser Geschäft läuft deswegen so erfolgreich, da sich ein Bezirkschef für unsere Arbeit interessiert. Der Bezirkschef ist das Regierungsoberhaupt für eine LGA (Local Government Area), unterhalb der Landesebene die nächste Verwaltungseinheit, entspricht den Kreisen in Deutschland. Dieser Chef hat seine Unterbezirkschef zu sich in sein Dorf eingeladen und zusammen mit den Dorfbewohnern haben sie sich alle den Vortrag von Y. angehört und H.'s Reisgericht probiert. Und dann geschah etwas, was wir in letzter Zeit nur selten erlebten: mehrere der Unterbezirkschefs haben unsere Leute spontan zu sich in ihr Dorf eingeladen und der Bezirkschef hat in einem anschließenden Gespräch Y. angeregt, einen Workshop für seine Leute zu veranstalten, damit alle den Ernst der Lage mitbekommen und alle auch gleich informiert werden, dass mit dem SAVE80 eine Lösung ihres Problems zur Verfügung steht. Über diesen Vorschlag haben wir uns intensiv unterhalten (z.B. wie viele Personen, welcher Tagungsort, wie hoch sind die Fahrt- und Verpflegungskosten, wie lange sollte es dauern) und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass Y. mit diesem Vorschlag an die Heinrich-Böll-Stiftung in Lagos herantreten soll und ich werde Kontakt zu den schwedischen Grünen aufnehmen, die uns ihre Unterstützung für derartige Veranstaltungen signalisiert hatten.

Neben Kaduna haben wir ein zweites Büro in Jos eingerichtet, der Hauptstadt von Plateau (das ist der rechte = östliche Nachbar von Kaduna). In Jos hat sich Didi sehr gut eingearbeitet (sorry, aber seinen korrekten bzw. kompletten Namen kenne ich noch nicht) und hier steht auch unser zweiter Container. Didi hat sein Geschäft im letzten Jahr im DARE Büro in Kaduna erlernt und ist seitdem sehr erfolgreich mit dem S80-Verkauf in Jos tätig, besonders bei den beiden großen Kirchengemeinden. Seitdem der Verkauf zügig vorangeht muss auch in Jos sichergestellt sein, dass die Verkaufsverträge ordentlich ausgefüllt und die Buchhaltung ordentlich geführt wird. Didi fährt aber auch oft zu seinen Kunden und da beginnt das Problem, denn er besitzt weder einen PC noch einen Beamer. Zwar steht ihm eine Frau zur Seite, die das Geschäft mit den Kochvorführungen gut beherrscht, aber ein Vortrag ohne Beamer ist wie Zähneputzen ohne Zahnpaste. Also liegt Didi dem Y. ständig mit seinen Wünschen nach besserer Ausstattung in den Ohren. Dazu gehört natürlich auch eine Solar-Power-Box, doch eine solche liegt im Bürocontainer und der hängt noch immer im Hafen von Lagos fest. Y. wird aber mit Sicherheit bei seinem nächsten Besuch die Frage nach einem weiteren PC stellen und ein kleiner Beamer müsste auch ins Gepäck.

Y. ist in das Organisationskomitee für die Begleitausstellung berufen worden, die die Konferenz im August in Minna ergänzen soll. Während auf der Konferenz in erster Linie gesprochen wird, soll auf der Ausstellung ein großes breites Spektrum grüner Techniken und Technologien der Öffentlichkeit präsentiert werden. Auch DARE wird sich daran beteiligen, und natürlich wollen sie nicht nur den SAVE80 ausstellen und vorführen, sondern auch den Parabol- und den Boxkocher, den Solartrockner, den Dampfentsafter mit Bag-in-Box Behälter und schließlich unsere Solar-Power-Box. Da es sich dabei um Unikate handelt, können wir - bis auf den S80 - keinen Verkauf starten und noch nicht einmal Preise oder Lieferzeiten nennen. Es ist schon sehr bedauerlich, dass uns so die Hände gebunden sind wo wir wissen, dass die Frauen unsere ganze Gerätepalette gerne erwerben würden und die Männer sich alle für die Solar-Power-Box interessieren. Aber noch nicht einmal die Mikrokreditbanken funktionieren bis jetzt. Den Kontakt, den wir bisher hatten, konnten wir nicht intensivieren. Man glaubt es nicht, aber die waren nur an unseren Kundendaten interessiert um ihr eigenes Süppchen darauf zu kochen, eine einzige Enttäuschung.

Im DARE-Büro in Kaduna werden ab kommenden Montag auch wieder Rita und Ezekil auftauchen, beide waren längere Zeit außer Gefecht. Und ein neues Gesicht erwarten wir: unseren CDM-Assistenten, der das gesamte Geschäft im Zusammenhang mit CDM unter seine Fittiche nehmen soll, also die Kaufverträge prüfen, in die Datenbank eintragen, das Monitoringgeschäft und die CER-Abrechnung. Letzteres liegt zwar noch in weiter Ferne, aber wir wollen rechtzeitig mit der Datenhaltung anfangen. Noch arbeiten wir hier mit Excel, aber spätestens wenn der dritte Container eintrifft wird es mit über 3.000 Datensätzen schwierig und wir brauchen dann eine professionelle Lösung, die dann über einen Server im Internet verfügt, damit wir von Deutschland aus uns die wichtigsten Daten anschauen können. Das wird bestimmt das nächste Abenteuer, eine IT ohne sichere Stromversorgung und mit einer langsamen Internetverbindung.

Zum Schluss erfahre ich noch von Y., dass der Flughafen von Kaduna gesperrt wurde, da bei einer unangemeldeten Kontrolle festgestellt wurde, dass das Radar nicht funktioniert und die Flughafenfeuerwehr nicht einsatzbereit war. Der Chef der Flughafenverwaltung hat dies bestritten, im Tower wären gerade die Techniker mit einer Reparatur beschäftigt die nur ½ Std. dauern würde und die Feuerwehr stände wegen eines kleinen technischen Defektes gerade in der Werkstatt, das würde aber auch nicht lange dauern. Sollten Sie eine Reise nach Nigeria planen, dann sollten Sie diesen Umstand dennoch berücksichtigen und müssen wohl mit dem Auto ab Abuja fahren, aber bitte nicht nachts.

Mit nächtlichen Grüßen

Bernd






Nachrichten aus Kaduna Nr. 67

17.05.2009

Liebe Freunde,

die letzte Information liegt exakt eine Woche zurück, aber es hat sich inzwischen jede Menge ereignet und daher muss ich Sie und Euch hier warnen, denn es gibt reichlich Lesestoff.

Letzte Woche habe ich berichtet, dass Y. und H. einen ersten erfolgreichen Besuch bei einem muslimischen Dorf absolviert haben und sich spontan eine zweite Dorfgemeinschaft gemeldet hatte. Sie hatten beide hohe Erwartungen an den Besuch, denn der Knoten schien geplatzt und es sollte eine Fortsetzung einer Erfolgsgeschichte werden. Nach dem Freitagsgebet sollten sie dort den Vortrag halten und das Kochwunder demonstrieren und dass man sie erwartete merkten sie schon weit vor dem Dorf, dort warteten die Jungen und riefen vorauseilend, dass die Herdleute angekommen sind. Mehr an Überraschungen gab es, als eine große Männerrunde sie begrüßte, denn sowohl Y. als auch H. wissen, dass es die Frauen sind, die zuschauen, nicken, sie verstehen und dann nach dem Preis fragen, während die Männer nach dem Probeessen nur nicken und dann von dannen ziehen. Also begann ein erstes Palaver darüber, dass und wie die Frauen teilnehmen könnten und dieses Problem konnte nur unbefriedigt gelöst werden, denn in die Moschee durften sie nicht, die Frauen sitzen in einem separaten Gebäude und hören den Imam über Lautsprecher. Auf die Frage, ob man nicht den gesamten Vortrag im Frauenhaus durchführen könne, blickten die Männer nur irritiert und ablehnend - und da war klar, dass es sich hier um eine sehr konservative Gemeinde handelt und Y. und H. schwante nichts Gutes für diesen Abend. Aber auch die Moschee war plötzlich Diskussionsgegenstand, denn nach Auffassung einiger Gemeindemitglieder würde dieses heilige Haus entweiht, wenn darin weltliche Vorträge stattfänden. Y. versuchte den Männern klar zu machen, dass auch der Prophet in der Moschee politische Reden gehalten habe, aber mit diesem Argument kam er nicht durch und so zog man in eine weiter draußen gelegene Schule, natürlich ohne Frauen. Hier mussten sie feststellen, dass das Gebäude über keinen Strom verfügt, also wurde ein Bote in das Nachbardorf geschickt, um sich von dort einen Stromgenerator und Dieseltreibstoff auszuleihen. Nun konnte die Vorführung beginnen, doch schon nach kurzer Zeit roch es angeschmort, der Beamer gab plötzlich seinen Geist auf, die Vorführung wurde unterbrochen - und dann mit einer Notebookdemonstration fortgesetzt. Hier schon begannen einige unruhig zu werden und es wurde noch unruhiger, als ein Sandsturm einsetzte und Regen drohte. Die Hälfte verließ jetzt die Vorstellung, um zu Hause nach dem Rechten zu sehen, die andere Hälfte wartete den Sturm ab und tatsächlich konnte der Vortrag nach 30 Minuten fortgesetzt werden. Ein letztes Ungemach allerdings stand ihnen bevor, als zum Schluss Y. darum bat, dass wie sonst üblich ein Abschlussgebet gesprochen wird. Das wäre nur in einem Gottesdienst üblich wurde ihm daraufhin von den Vertretern der konservativen Richtung vorgehalten, H. musste Y. beruhigen und bitten, die Diskussion nicht fortzuführen, denn einige liberal gesinnte Muslime verließen jetzt die Versammlung. Dennoch wurde eine Liste zurück gelassen, worin sich dann doch etliche eintragen wollten und beim Abschied wurde ihnen bedeutet, dass sie wohl zwei Listen erhalten würden: eine liberale und eine konservative. Diesen Freitag werden unsere beiden Freunde nicht so schnell vergessen und ihre Euphorie hat einen gehörigen Dämpfer erhalten...

Nun habe ich meinen Bericht mit dem vorgestrigen Freitag begonnen, auch für mich war dieser Besuch wichtig und umso enttäuschter bin auch ich über den Verlauf. Aber dies ist nicht die einzige Nachricht aus Kaduna, einiges ist passiert und daher werde ich jetzt chronologisch mit meinem Bericht fortfahren.

Es wird Euch freuen zu hören, dass Y. jetzt wieder viel unterwegs ist, allerdings macht er weiter seine Verkaufsshows doch parallel dazu wird verkauft, das ist neu. Das Geschäft läuft jetzt wieder ganz gut, in einem Dorf wird montiert und bezahlt und die Kocher übergeben, dann brechen Y. und H. auf zum Nachbardorf, denn dort wartet man schon auf sie und hier wird vorgetragen und vorgekocht und es geht zum Schluss eine erste Liste herum, in die sich die mutigsten Frauen eintragen. In der Regel erreicht sie am nächsten Tag ein Anruf, dass inzwischen weitere Frauen sich eingetragen haben, dann muss der Fahrer in Jos schnell instruiert werden, dass er noch 10 Stück Save80 mehr einladen muss und dann trifft man sich zwei Stunden später im besagten Dorf.

Und ich kann Euch mitteilen, dass wir jetzt kurz vor der magischen Zahl 500 stehen, morgen wird diese Marke gebrochen und die zweite Hälfte verkauft sich vermutlich doppelt so schnell. Die Stimmung ist jetzt wieder so wie im letzten Frühjahr, es geht wie ein Lauffeuer und sie kommen kaum hinterher mit den Verkäufen.

Sie haben einen neuen Personenkreis entdeckt, nicht die Dorfchefs und nicht die Priester sondern die Bezirkschefs. Ein solcher hat sie für Sonntag eingeladen, nach dem Gebet zu seinen Leuten zu sprechen. Er hat den Y.-Vortrag gehört und die Kochkünste von H. probiert und war begeistert. Diese mittlere Führungsebene ist vermutlich bedeutender für unsere Arbeit als die Großkopfeten aus den Ministerien, die zwar viel reden, aber die kaum Kontakt zur Basis haben. So wollen wir den Sonntag einmal abwarten, was am Ende dabei heraus kommt.

Es gibt noch eine neue Entwicklung: da der Strom in den Städten nicht mehr nur stundenweise sondern jetzt tageweise ausfällt und Kerosin teuer ist und vom Markt so gut wie verschwunden ist, müssen sich die Familien der Mittelschicht wieder mit dem 3-Steine-Feuer  beschäftigen. Das allerdings ist sehr gewöhnungsbedürftig und man erinnert sich an unseren Save80 - damit kann man schon sehr modern kochen. Also kommen plötzlich Anfragen von Familien, die sogar bereit sind, den vollen Preis zu bezahlen, denn daran mangelt es am wenigsten. Wir sind vermutlich die Gewinner der Energiekrise? Ein schrecklicher schöner Gedanke.

Inzwischen habe ich mit der U.bank und H. V. telefoniert, die U.bank hat abgewunken, mit LAPO werden wir weiter sprechen. Es geht hierbei um das Thema „Beteiligung an einer Grünen Mikrokreditbank“.

Wir erhalten auch viele Anfragen aus den benachbarten Bundesstaaten, die nicht zur GSZ (Guinea-Savanne Zone) gehören, da muss sich Y. mächtig bremsen, denn natürlich ist es verlockend, auch 100 Kocher nach Kano zu verkaufen, aber diese Stadt ist für uns Tabu. Es wird langsam eine wichtige und bald zu entscheidende Frage, wann wir unsere Projekte fortführen wollen, denn die Länder außerhalb der GSZ werden ungeduldig und es ist ihnen nur schwer zu vermitteln, dass wir nur in 13 Bundesstaaten verkaufen dürfen, die anderen 22 gehören nicht zu unserem Projektgebiet. Aber der Norden leidet ebenso wie der Süden unter extremen Holzmangel und es muss zügig eine Entscheidung fallen.

Gestern war der 5. Tag in Folge dass es keinen Strom gab und H. hatte eine Menge Arbeit, den Kühlschrank mit den inzwischen verdorbenen Lebensmitteln zu säubern und Y. hatte eine Menge Ärger, denn er hat nur einmal ein Internet-Cafe besucht und nach zwei Stunden entnervt aufgegeben, weil er gerade zwei Mails lesen konnte. Bei jedem Gespräch bitte ich ihn, mir auch ein Bild aus seiner Heimat zu schicken, damit ich diesen Geschichten ein Foto unterlegen kann, aber nachdem ich jedes Mal höre wie mühsam, d.h. zeitraubend und teuer zugleich, das Surfen und Lesen von eMails ist, bin ich mit der Äußerung derartiger Wünsche zurückhaltender. Bei dieser Gelegenheit habe ich aber erfahren, wie Y. und seine Leute die Wasserflaschen im Büro kühl halten: nichts mit Kühlschrank, stattdessen kaufen sie eine halbe Stange Eis, zerkleinern sie und füllen damit eine Wonderbox. Dann schnell die Flaschen hineinstecken den Deckel drauf und auf diese Weise können sie bis zum Abend ein paar Schlucke Wasser kühl halten. Wann es wieder Strom geben wird, hängt vom Chef des Lastwagenfahrers ab, der den Strommast umgefahren hat. Der staatliche Versorger NEPA selbst führt die Reparatur erst aus, sobald die Schadenssumme überwiesen wurde, und das kann dauern. Inzwischen sammeln die Betroffenen Geld um den Reparaturtrupp zu bestechen, schon jetzt mit den Instandsetzungsarbeiten zu beginnen, man ist gespannt, aber das wäre der üblicher Weg.

Ich hatte Y. am 14. Mai angerufen um zu erfahren, ob sie inzwischen die magische 500-er Marke geknackt haben. Obwohl er mir nur 460 Bestellungen vorlesen konnte, war ich schon glücklich, denn es gab seitdem keinen Stillstand. Gestern am 16.5. gab es nun definitiv die Erfolgsmeldung, dass durch telefonische Nachbestellungen wir mehr als 500, d.h. mehr als die Hälfte des Containers verkauft haben und damit können wir die nächste Lieferung starten. Am gleichen Tag hat er hohen Besuch erhalten, denn der Chef der Ölraffinerie in Kaduna, Mr. Dogara Gyet hat ihn aufgesucht und für Dienstag in seine Firma eingeladen. Mit diesem Mann hat Y. schon vor Monaten Gespräche geführt und dieser Chef hat selbst spontan einen SAVE80 und einen Parabolkocher gekauft und seine Frau nutzt beide Kocher. Mehr noch, denn sie hat zwei Töpfe und zwei Wonderboxen und nutzt intensiv ihr Kochequipment. Jetzt ist die Situation fast schizophren zu nennen, denn sogar die Angestellten der Raffinerie erhalten kein Kerosin mehr und der Chef hat beschlossen, dass nunmehr der Zeitpunkt gekommen sei, seine Leute mit dem SAVE80 auszustatten. Am Dienstag wird Yahaya keinen Vortrag mehr halten müssen und keinen Kocher mehr vorführen, sondern er soll einen Vertrag abholen und welche Zahl darin steht wollte er mir nicht verraten.

Zum Schluss möchte ich Ihnen liebe Leserin, lieber Leser, noch einen kleinen Einblick in unser Geschäftsleben geben. Wir haben in Wombai bei Pastor Majau einige junge Männer in die Montage eingewiesen und die sind inzwischen so fit, dass sie auch in die Nachbardörfer bestellt werden, wenn wir dorthin liefern. Natürlich erhalten sie dafür ein kleines Geld, etwa ½ Euro pro Tag, für Landarbeiter mehr als der Durchschnitt verdient. Unser Montageteam in Kaduna, quasi freie Mitarbeiter, bezahlen wir besser, damit sie jederzeit auf Abruf losstarten können, wenn eine größere Menge an Kochern hier auszuliefern ist. Hier bezahlen wir Stücklohn, denn hier wissen wir auf Grund der langen Zusammenarbeit dass gute Qualität abgeliefert wird und durch die gute Bezahlung wollen wir diese Mitarbeiter an die Firma binden. Im ersten Jahr erhalten sie ½ Euro pro Kocher, nach einem Jahr sogar einen ganzen Euro pro montierten Kocher, das sind bei mind. 5 Kocher pro Tag schon Spitzenlöhne. Jetzt überlegen wir, wie wir die Listenführer in den Dörfern entlohnen können, denn sie nehmen uns eine Menge Arbeit ab: treiben die Raten ein, halten die Listen auf dem aktuellen Stand und übergeben uns am Monatsende immerhin größere Beträge (in der Regel kassieren wir pro Rate 5 bis 10 Euro pro Kocher), die aufbewahrt werden müssen. Das ist nicht immer einfach, denn bei 50 Kunden im Dorf sind das mind. 250 Euro, ein Jahresverdienst, und ungefährlich ist es auch nicht, in seiner Hütte für 2-3 Tage soviel Geld zu deponieren. Wenn Y. dann das Geld empfangen hat führt ihn sein erster Weg zur nächsten Bank, denn mit solchen Summen fährt man besser nicht durchs Land.

Y. hat nun seine Ankunft in Deutschland für Freitag den 22.5. festgesetzt, wir werden uns in Diepholz zur Mitgliederversammlung treffen. Ich habe eine eMail nach Schweden geschickt, dass Y. in der folgenden Maiwoche seinen angedachten Besuch dort verwirklichen könnte und er hat auch die Idee, dass uns die Grünen bei entwicklungspolitischen Veranstaltungen unterstützen könnten. Ob sich das umsetzen lässt, werden wir sehen, zumindest erwarten wir in den nächsten Tagen eine Antwort aus Schweden und dann schauen wir ’mal weiter.

Der nächste Brief wird voraussichtlich noch in dieser Woche kommen, bis dahin herzliche Grüße

Bernd

PS: In dem Moment als ich diesen Brief absenden wollte erhielt ich einen Anruf von Y. aus Nigeria worin er mir mitteilte, dass er gerade von einem Besuch eines Dorfes zurück gekehrt sei und der wäre doch sehr eindrucksvoll verlaufen, das müsse er mir unbedingt noch mitteilen, obwohl die Mitternachtsstunde schon überschritten war. Eingeladen hatte der Bezirkschef (oberster Chef einer Localen Government Area), der seine 20 Unterbezirkschefs zu sich geladen hatte (diese regieren jeder über 4-5 Dörfer), dazu seine 4 Frauen und die Dorfgemeinschaft, in der er lebt. Nach der gesamten Vorführung hat der Bezirkschef von seinen 4 Frauen den Auftrag erhalten, sofort für jede von ihnen einen SAVE80 zu kaufen (wurden bar bezahlt) und darüber hinaus hatten sich in die ausgelegte Bestell-Liste spontan ca. 100 Familien eingetragen, die innerhalb von zwei Tagen beliefert werden wollen. Von den 20 anwesenden Unterbezirkschefs haben 5 spontan  eine Einladung in ihr Dorf ausgesprochen, d.h. Y. ist in den nächsten 5 Tagen nahtlos unterwegs und die zweite Hälfte des Containers wird am Wochenende verkauft sein. Was nun? Es gibt drei notwendige Schritte und Konsequenzen: 1) Y. verschiebt seine Reise nach Deutschland 2) X muss sofort den nächsten Container voll packen und Y muss umgehend den Auftrag erteilen 3) wir haben ein Personalproblem, denn Y. ist der Einzige, der die Verkäufe in die Excellisten eintragen könnte, aber er ist um 23 Uhr natürlich dazu nicht mehr in der Lage und am nächsten Morgen muss er den Wagen packen und die nächste Verkaufsfahrt antreten. Aber die beiden Y. und H. sind dennoch in einer gewissen Hochstimmung und diese Probleme müssen nur noch gelöst werden. Ihre größte Sorge ist, dass sie auf den nächsten Container zu lange warten müssen.


Nachrichten aus Kaduna Nr. 66

10.05.2009

Liebe Freunde,

vor einer Woche habe ich letztmalig aus Nigeria berichtet, inzwischen habe ich zwei kurze und heute wieder ein langes Telefonat geführt, und ehe die Details in Vergessenheit geraten, setze ich mich noch schnell an den PC. Im Deutschlandfunk haben sie um diese Zeit moderne Musik, die ich nicht allzu gerne höre, daher aus dem Internetradio Jazz Loft, und jetzt kann ich Euch über die neuesten Entwicklungen berichten.

Die schlechte Nachricht zuerst: Es gab Streit in der Vorstandsetage der Kooperative der Uniklinik in Jos mit dem Ergebnis, dass viele Interessenten ihre Bestellung zurückgezogen haben und übrig blieben 42. Das ist das (vorläufig) traurige Ende einer Hoffnung auf eine große Bestellmenge, doch ein Gerücht hat diesen Traum zerstäuben lassen, denn es wurde behauptet, eigentlich kosten unsere Kocher nur 8.000 Naira und wir kassieren 15.000, weil der 1. Vorsitzende mit daran verdienen wolle. Da half alles Beteuern nicht, das Gerücht hatte erst einmal Wirkung gezeigt, jetzt müssen wir das Vertrauen wieder aufbauen helfen.

Jetzt aber zu den guten Nachrichten: Seit letzten Donnerstag sind die beiden unterwegs und jeden Tag haben sie zwei, manchmal auch drei Gemeinden aufgesucht, einen Kurzvortrag gehalten, eine Schnellkochvorführung, eine Liste zum Eintragen herumgereicht, die Sachen zusammengepackt und ab zum Nachbardorf. In den 5 Tagen haben sie 8 Gemeinden besucht, davon 5 neue und das besonders Erfreuliche daran: es waren erstmalig auch muslimische Gemeinden darunter. Zwar waren es zuerst die Ehemänner, die Y. und H. empfangen haben, aber nach einiger Zeit haben sie auf Bitten von H. ihre Frauen geholt und in einer gesonderten, abgeschirmten Ecke wurde dann für Frauen und Kinder gekocht und die Männer bekamen ebenfalls kleine Kostproben 'rüber gereicht. Zum Staunen kam es, als beim ersten Besuch festgestellt wurde, dass man für eine so große Teilnehmermenge keine entsprechende Holzmenge besorgt habe. Doch Y. hat mit seinen beiden Helfern etwa 10 Minuten lang den Boden nach Stöckchen und Hölzchen abgesucht, worüber die Frauen nur mitleidig schmunzeln konnten. Doch als das Wasser zu kochen anfing, kamen sie aus dem Staunen nicht heraus und es schmeckte besonders gut, als nach 30 Minuten die Wonderbox mit dem dampfenden Reis darin geöffnet wurde. Da in dieser Gegend, es handelt sich um Gemeinden, die entlang der Straße nach Kano liegen, kein Holz mehr zu finden ist, waren die Zuschauer umso erfreuter und es wurde spontan eine Bestellung von 35 Kochern aufgegeben. Und während des Vortrages, spätestens beim Kochen, knattert oftmals ein Motorrad heran, es ist der Gemeindevorsteher des Nachbardorfes, oftmals auch der Pastor noch hinten drauf, denn sie haben über Handy über diese Vorführung erfahren und wollen sich mit eigenen Augen von dem Wunder überzeugen. Dann wird der gastgebende Bürgermeister erst einmal verbal verhauen, weil er solche wunderbaren Geheimnisse nicht weitergegeben hat, und dann wird spontan eine Einladung ausgesprochen, der sich Y. natürlich nicht entziehen kann. Der Tag endet mit der untergehenden Sonne - ohne Licht läuft in den Dörfern nichts mehr. So habe ich sie heute am Abend auch erreicht, es war gegen 21 Uhr und Y. saß am Steuer als ich anrief, H. nahm das Gespräch entgegen und erzählte mit müder Stimme knapp von den letzten Ereignissen. Aber da ich ihr Englisch nicht besonders gut verstehe und sie meines ebenfalls nicht, dauert unser Gespräch nie sehr lange, nur soviel verstand ich, dass man hoffe, in einer Stunde zuhause zu sein. Es dauerte dann fast 3 Std. und Schuld daran war der kleine Umweg zur Schwester, wo Töchterchen Ta Dutse aufgeregt auf Mama und Papa wartete. Also konnten wir unser Gespräch dann auch erst exakt um 0 Uhr beginnen und ich startete mit der seit Wochen gleichen Eingangsfrage: was macht unser Bürocontainer? Die Pause, die folgte, ließ mich nichts Gutes ahnen, immerhin gibt es noch einige Funken Hoffnung, vielleicht wird Y.in dieser Woche eine Fahrt nach Lagos unternehmen. Aber diese Ungewissheit mit dem Container in Lagos ist direkt gekoppelt mit der Frage, welchen Weg sollen wir für den nächsten Container wählen, Lagos Hafen ist noch immer verstopft und der Weg über Benin ist nur sicher bis zur Grenze nach Nigeria, doch was folgt dann? Trotzdem sind wir nicht unzufrieden mit der Entwicklung, denn der Verkauf unserer Kocher nimmt allmählich Fahrt auf, es spricht sich herum dass DARE wieder aktiv ist und - das Wichtigste - auch wieder Kocher verkauft werden können. In den nächsten Tagen werden wir vermelden können, dass die Hälfte, d.h. 500 Kocher verkauft sind, und damit fällt der Startschuss für die Bestellung des nächsten Containers.

Dies sind Probleme, die in der nahen Zukunft liegen. Doch hatten wir auch Probleme in der nahen Vergangenheit, ich habe darüber noch nicht berichtet. Jetzt ist in der BBC ein mehrteiliger Bericht über Nigerias Polizei veröffentlicht worden und wir können es bestätigen: mit der nigerianischen Polizei ist nicht gut Kirschen essen. Es fing harmlos an, als Didi mit seinem Kompagnon Lawrence auf dem Heimweg nach Jos vor der Dunkelheit Schutz in einem kleinen Hotel suchte. Das war ihnen bekannt und voller Vertrauen legten sie sich gegen 0 Uhr schlafen, um eine Stunde später durch heftiges Klopfen an der Tür geweckt zu werden. Zuerst war die Stimme des Nachtportiers zu hören, der bat mit zitternder Stimme die Tür zu öffnen. Dann kamen weitere Stimmen hinzu die barsch dazu aufforderten, sofort die Tür zu öffnen. Das klang ziemlich nach einem Überfall und Didi hatte überhaupt keine Lust die Tür zu öffnen. Doch dann wurden sie von draußen durch das Fenster bedroht, ein Mann schoss mehrfach in die Luft und drohte, die nächsten Schüsse würde er auf sie richten. Da half kein Zaudern mehr, Didi konnte noch mit Handy seine Eltern informieren, dann stürmten sechs wilde Gestalten herein und behaupteten von der Polizei zu sein. Unsere beiden Männer mussten sich auf den Boden legen, das Zimmer wurde auf den Kopf gestellt, man fand ein Teil des Geldes, welches die beiden eingenommen hatten, beschlagnahmte es, sie bekamen Handfesseln angelegt, wurden dann auf den Flur geschleppt, das Zimmer wurde nochmals untersucht, dann kam ein Peugeot vorgefahren, alle rein in das Auto. Didi glaubte, das wäre seine letzte Fahrt, irgendwo draußen in der Dunkelheit würde man mit ihnen kurzen Prozess machen. Doch dann die Überraschung: die Fahrt endete vor einem Polizeirevier, sie mussten aussteigen und wurden in eine Gemeinschaftszelle gebracht wo sie, zusammen mit 10 anderen, 12 Std. verbringen durften. Am Nachmittag erschien Didis Vater, er redete auf die Polizisten ein, die öffneten die Zellentür und ließen sie frei, auf ihr Verlangen rückten die Polizisten ein Teil des beschlagnahmten Geldes heraus (der Rest wäre eine Verwaltungsgebühr). Der Vater überzeugte unsere beiden Helfer, dass man darüber schon froh sein solle, und sie fuhren nach Hause. Seitdem liegt Didi mehr oder weniger krank und geschockt von dem Erlebnis danieder, Lawrence ist schon wieder einigermaßen fit, aber wir anderen sind tief verunsichert, es war genau so, wie die BBC berichtete: Nigerias Polizei ist mit kriminellen Elementen durchsetzt.

Am Mittwoch letzter Woche war Y. im DARE-Büro in Kaduna, zusammen mit einigen Vertretern von grünen Organisationen bzw. Vertretern der Grünen Partei in Benin. Im Büro traf sich ein Komitee, welches organisatorische Vorbereitungen für einen Kongress treffen soll, der im August in Minna stattfinden wird. Der Gouverneur in Minna ist ein Umweltfreund und unterstützt diese Konferenz, die sich mit Fragen der Nachhaltigkeit, des Umweltschutzes und mit dem Einsatz sparsamer oder gar regenerativer Energien beschäftigt, bis hin zu dem Problemthema Mikrokreditbanken. Hier ist geplant - da die bestehenden Mikrokreditbanken nicht mitziehen - eine "Grüne Bank" zu gründen, die jedoch auf Nachhaltigkeit spezialisiert sein soll, also nur Kredite für solche nachhaltigen Produkte vergibt. Da man den Einfluss des Staates unter 50% halten möchte, werden Partner gesucht, die in dieses Geschäft mit einsteigen würden. Also habe ich versprochen, mich auch noch mit diesem Thema zu beschäftigen, z.B. bei der Umweltbank anzurufen oder bei H. V., ob sich LAPO vorstellen könne, hier mit einzusteigen (51% bedeuten 51.000 €). Was dabei heraus kommt, ist noch sehr offen, aber Mikrokredite sind schon sehr hilfreich, da müsste unbedingt bald etwas passieren.

Heute passiert nichts mehr, es ist 4 Uhr, das Radio bringt noch immer Jazz Musik, aber die hält mich auch nicht mehr wach. Y. berichtete noch, dass die Regenzeit etwas sparsamer ausfällt bisher, statt eines mehrstündigen Landregens kommt jetzt nur täglich eine 1-std. Dusche, die Bauern sind besorgt über diese knappen Regenmengen. Die Brunnen füllen sich sehr langsam und das wird das nächste Thema, denn die Dörfler fragen, ob er auch das Wasser besorgen könne, welches man zum Reiskochen benötigt, ihre Brunnen wären leer. Eine Firma müsste kommen und den Brunnen auf mind. 50 m vertiefen, besser wären gleich 100 m. Firmen, die solche Bohrlöcher herstellen, gibt es, aber dazu fehlt dem Dorf das Geld. Hier könnten MC-Banken Geld verdienen, wenn sie ihre Kredite auch Dorfgemeinschaften zur Verfügung stellten, tun sie aber bisher nicht. Ein neues Thema, aber wie schon gesagt, nicht mehr heute.

Gute Nacht wünscht

Bernd


Nachrichten aus Kaduna Nr. 65

03.05.2009


Liebe Freunde,

14 Tage sind seit der letzten Nachricht vergangen und ich muss mich aufraffen, um Euch von den letzten Telefonaten zu schreiben. Im Gegensatz zu Y., der ziemlich optimistisch die Situation beurteilt, kann sich bei mir noch nicht die große Hoffnung breit machen, denn ich habe noch immer das Gefühl, dass wir nur voranschleichen, ich habe aber Riesenschritte erwartet. Das hat sicher auch etwas mit unserem Büro-Container zu tun, der nun wieder tief zwischen den Mühlsteinen der Instanzen eingeklemmt ist. Nachdem er aus Lagos vom dortigen Portmanager schon den Marschbefehl erhalten hatte, machte uns kurzfristig der oberste Chef der Zollverwaltung (Comptroller General) in Abuja einen Strich durch die Rechnung indem er alle Container auf die Startlinie zurückpfiff weil er glaubt, da wären noch Gebühren fällig. Wir haben bei der Deutschen Botschaft interveniert und auch dem Zollchef einen Brief geschrieben, dass er damit ein bedeutendes und einmaliges Projekt kaputt zu machen droht und letztendlich dem nigerianischen Volk Schaden zufügt, wenn unsere SAVE80 nicht an die Familien verkauft werden können. Wir haben noch Hoffnung, dass dies Wirkung zeigen könnte, denn aus Abuja war letzte Woche Dr. F. in Bonn mit dem wir uns trafen und diesen Brief ihm mit der Bitte zusteckten, dass er ihn seinem Kollegen Comptroller General überreichen möge. Mr. F. versprach dies, mehr noch, er wolle persönlich anklopfen und die Bedeutung der Situation mit eigenen Worten unterstreichen. Na wenn das nicht hilft!

Am 26.4. habe ich mit Y. telefoniert und ihn emotional ergriffen erlebt, wie ich ihn bisher noch nicht kannte. Und er hatte allen Grund dazu, denn diese Geschichte erlebt man – leider - nicht jeden Tag. Er hatte sich am Sonntag bei Pastor Majau eingefunden und aus dem Nachbardorf hatte sich Besuch angekündigt: eine Gruppe muslimischer Frauen wollten miterleben, wie man mit einer Handvoll Holz einen großen Topf Reis kochen kann. Das Problem war aber der Vortrag, denn dazu wollte Y. ein paar eindrucksvolle Bilder mit dem Beamer zeigen und der einzige geeignete Raum war die Kirche. Was für die Gemeindemitglieder überhaupt kein Problem darstellte war für die muslimischen Nachbarinnen ein Riesenhindernis, denn einem Gerücht zufolge wird jeder Ungläubige beim Betreten einer christlichen Kirche missioniert, d.h. er bekommt ein Kreuzzeichen auf die Stirn und ein Marienbild umgehängt. Das schreckte die Frauen verständlicherweise ab, doch Y. konnte sie davon überzeugen, dass er selbst das beste Beispiel sei, dass man nach dem Verlassen einer Kirche noch immer ein Muslim ist. Zögernd haben sich die Frauen in die Kirche begeben, dort Y.'s Vortrag gelauscht und unversehrt sind sie auch wieder heraus gekommen. Der Pastor war über dieses kleine Wunder hocherfreut und die muslimischen Frauen erleichtert, dass sie diesen Schritt gewagt haben und sich selbst davon überzeugen konnten, dass in einer Kirche auch ganz profane Handlungen stattfinden, die Leib und Leben entgegen anders lautender Gerüchte nicht bedrohen. Entsprechend groß war die Freude zum Schluss der Veranstaltung, als christliche und muslimische Frauen das Reisgericht probierten, welches H. zubereitet hatte. Das Ergebnis ist eine Einladung welche die Frauen zum Schluss aussprachen, übrigens die erste Einladung in ein muslimische Dorf, noch ein Wunder (das Dorf heißt Tawakiri-Dau-Kwairo).

Im gleichen Telefonat habe ich erfahren, dass am Dienstag davor er mit seiner Frau H. und drei weiteren Mitarbeitern von DARE nach Katsina gefahren ist, wo von Mittwoch – Freitag eine Konferenz stattgefunden hatte. Wenn Sie Katsina auf der Karte suchen, müssen sie bis an die Grenze zu Niger fahren, die keine 50 km entfernt liegt. Mit etwa 1/4 Mill. Einwohner ist Katsina Nr. 21 unter den nigerianischen Großstädten. Unangenehm waren die Temperaturen, die tagsüber bei über 40 Grad liegen und zudem weht aus dem Norden ein heißer Wind, der das Atmen zusätzlich erschwert. Aber die Konferenzräume zumindest waren klimatisiert und das Hotel, wo sie die beiden Nächte verbrachten, ebenfalls. Einer der Höhepunkte war die Überreichung eines S80 an den Emir von Katsina durch den Geschäftsführer der Heinrich-Böll-Stiftung, die für die Organisation und Durchführung verantwortlich war. Am Stand von DARE haben sich einige Umweltminister und der Ministerpräsident von Katsina eingefunden und alle lobten unser Projekt. Besonders die Umweltministerin von Sokoto, der westliche Nachbarstaat, hat sich mit Y. unterhalten und sie hat spontan den Wunsch geäußert, dass sich alle Umweltministerien noch einmal in Kaduna treffen müssten, um über die Eindämmung des Holzverbrauchs und Aufforstungsstrategien zu besprechen; bei dieser Gelegenheit solle er Y. allen unseren S80 vorstellen.

Die Fahrt nach Katsina war in doppelter Hinsicht anstrengend, denn um die 420 km einfache Strecke bewältigen zu können, benötigt man etwa 50 l Treibstoff - und den zu besorgen war anstrengender als die 10-stündige Fahrt. Es ist auch nicht an einem Tag gelungen, etwa 2 Tage benötigte der Fahrer und sein Helfer, um bei den verschiedensten Benzinverkäufern literweise die benötigte Menge einzukaufen. Die offiziellen Tankstellen sind zwar geöffnet, haben aber kein Benzin, dafür die Schwarzhändler um die Ecke, die zum dreifachen Preis in Flaschen und Kanistern den kostbaren Saft verkaufen. Den Treibstoff für die Rückfahrt haben sie dann in Niger bekommen, durch ein 100 km Abstecher...

Unsere ganze Hoffnung hinsichtlich größerer Verkaufszahlen liegt in Jos, - bei der Universitätsklinik. Seit Tagen hängen dort 4 Listen aus, in die sich Interessenten für einen S80 eintragen können. Am 29.4. sollten sie abgenommen und ausgewertet werden, dann ist der 30.4. und am nächsten Tag  Feiertag. Also müssen wir uns bis Montag gedulden, das halten meine Nerven kaum aus, denn Y. träumt von großen, von sehr großen Verkaufszahlen und ich will das gerne glauben. Die Leitung der Kooperative hat zwar angekündigt, dass sie große Beträge auch nur in zwei oder drei Raten zahlen kann, aber das wäre ok, wenn denn überhaupt einmal ein größerer Betrag über den Tisch geschoben würde. Y. benötigt für seine nächste Reise nach Deutschland Geld für das Flugticket und noch ein bisschen mehr und wir könnten auch gut 3.000 € gebrauchen, um wenigstens für das erste Jahr die Zinsen an unsere Darlehensgeber bezahlen zu können.

Seine letzte Information in diesem Gespräch war dann doch wieder erfreulich, denn in den letzten Tagen hätte es ordentlich geregnet, die Luft ist sauber, die Sonne schien wieder klar, unsere Solar-Power-Box konnte sich wieder ordentlich aufladen, im Büro gibt es also Strom den ganzen Tag...

Am 26.5. erfahre ich bei meinem letzten Gespräch, dass die Universität Probleme mit dem Strom hat. Beim Nachfragen stellt sich heraus, dass die Universität sogar eine große Solaranlage (6 x 75 W Module und 6 Batterien a 200 Wh) besitzt und dennoch müssen die Studenten zu Klausuren Taschenlampen mitbringen, um ihre Arbeiten zu schreiben. Die Probleme sind erstens ein defektes Modul oder der Wechselrichter, zweitens eine völlig ineffiziente LED-Beleuchtung. Er ist um Abhilfe gebeten worden, man weiß, dass Y. auch mit Solartechnik handelt und man erhofft sich von ihm, dass er ihnen entweder ein neues Solarmodul oder einen neuen Wechselrichter besorgen kann, zudem neue helle Leuchten die in der Lage sind, den Hörsaal vollständig auszuleuchten. Er hatte für einen Versuch seinen mit einer 24 Watt Energiesparlampe bestückten Akku-Scheinwerfer mitgebracht und die Studenten jubelten ob dieser Helligkeit. Also habe ich den Auftrag erhalten, bei seinem nächsten Besuch einen sparsamen aber hellen Strahler zu besorgen, den er mitnehmen und vorführen will. Sollte er gefallen, dann wären drei Hörsäle mit jeweils vier Leuchten auszustatten, - und die Universität bezahlt im voraus! Es ist heute also etwas spät geworden, denn bei eBay habe ich noch nach Arbeits- bzw. Baustellenleuchten geforscht und unter diesen Begriffen die 2.799 Angebote angeschaut und sogar vier interessante Angebote gefunden. Also, es bleibt spannend, so oder so.

Herzliche nächtliche Grüße

Bernd


14./15.04.2009


Nachrichten aus Kaduna Nr. 64


Liebe Freunde,

vor 3 Tagen habe ich Euch letztmalig aus Nigeria berichtet und in meinem gestrigen Telefonat habe ich viel aus dem privaten Umfeld erfahren. Dass nicht nur angenehme Nachrichten aus Nigeria kommen, habe ich bereits mehrfach erfahren müssen, dass Ta Dutse seit Sonntag mit hohem Fieber im Krankenhaus liegt, ist eine weitere der unerfreulichen Nachrichten. Vermutlich hat sie Malaria, die Ärzte untersuchen sie noch, dazu muss sie im Krankenhaus bleiben und H. ist bei ihr. Rooming In ist weniger bekannt in Nigeria und Y. wird beim nächsten Besuch ein Gästebett mitnehmen, denn heute schläft H. in Ta Dutses Krankenzimmer auf der Erde auf einer alten Matratze. Es ist das zweite Mal innerhalb weniger Tage, dass die Familie mit Krankenhaus zu tun hat, denn am Freitag kam die Cousine aus Lagos und hat sich nach wenigen Stunden ebenfalls ins Krankenhaus begeben müssen. Hier war man ratlos bis zum Sonnabend, dann entdeckte man auf ein Nierenversagen und 24 Std. später ist die junge Frau ihren Leiden erlegen. Da im Islam sehr schnell beerdigt wird waren am Montag bereits die Trauerfeierlichkeiten und am Abend die Beerdigung, ein Schock in der Familie.

Überhaupt geht es derzeit nicht recht voran in Nigeria, das Land wirkt wie gelähmt, der Mangel liegt über dem gesamten Land. War Treibstoff schon immer ein kostbares Gut, jetzt ist Benzin und Diesel nur noch literweise beim Schwarzhändler zu bekommen. Das wirkt sich auf die gesamte Preisbildung aus und der öffentliche Nahverkehr bricht vollends zusammen, weil viele Autofahrer sich ihr Auto schlicht nicht mehr leisten können und versuchen, mit Taxi und Bus zum Ziel zu gelangen. Das ist schon mehr als Ironie: wir stehen kurz davor unseren Container und damit unser Auto zu bekommen und dann können wir damit nicht fahren, weil es an Benzin mangelt. Auch Strom gehört zu den Mangelprodukten, doch leider kann hier der Schwarzhandel nicht helfen. Jetzt müssen die vielen privaten Generatoren nicht nur stundenweise, sondern tagelang laufen, sonst bleibt es dunkel. Gegen die Dunkelheit könnte man sich mit Kerze behelfen, aber in der Stadt bleibt der Deckenventilator stehen und der Kühlschrank wird warm, und spätestens dann wird es ungemütlich. Hiergegen hilft man sich mit Eisstangen, ich kenne das aus den Erzählungen meiner Oma, dass in den zwanziger Jahren der Bolle-Eismann durch die Straßen Berlins fuhr und Eisstangen an die wartenden Hausfrauen verkaufte. So ähnlich sieht es in Kaduna heute aus, nur dass man in beiden Händen Geld bereit halten muss: in der einen, um das Eis zu bezahlen und in der anderen die kleine Aufmerksamkeit, dass man nicht übersehen wird. Wer mehr Geld hat, heuert einen Arbeitslosen an, der sich für dich anstellt (ich kannte das bisher nur vom Besuch der MoM-Ausstellung in Berlin: wer keine 10 Std. warten wollte mietete sich einen Studenten für 5 € die Std.).

Vom Strommangel sind auch alle Kommunikationsdienste betroffen, denn sowohl das Internet funktioniert nur, wenn die Rechner Strom bekommen, als auch die Funkantennen für das Handy benötigen Strom. Gibt es also keinen Strom, gibt es auch keine Möglichkeit, ins Internet zu gehen, Mails zu empfangen oder abzusenden. Es ist ein mühsames Leben zur Zeit und keine gravierende Verbesserung in Sicht. Und auf dem Lande sieht es noch trauriger aus.

Aber es gibt auch Lichtblicke, z.B. die Nachricht aus Lagos: Y. traf sich am Freitag mit Kayode, unserem Agenten und der berichtete, dass er jetzt die amtliche Benachrichtigung erhalten hat, dass unser Container innerhalb von 14 Tagen abgeholt werden kann. Daraufhin habe ich sofort den Sekt kaltgestellt, es könnte ja schon morgen der lang ersehnte Anruf kommen. Es wäre nach längerer Zeit ´mal wieder eine richtig gute Nachricht. Insgesamt positiv sind auch die Informationen, die Y. aus dem Alheri-Camp mitgebracht hat. Viele Frauen und Vertreter von Frauengruppen hatten sich am Samstag eingefunden, um dem Vortrag zuzuhören und den S80 aufmerksam zu beäugen. Neben vier Barverkäufen wurden einige intensive Gespräche geführt: eine Frauengruppe aus Abuja, die Justizministerin aus Kebbi und zwei NGO´s aus Oyo. Letztere wirkten allerdings sehr profitorientiert und da der Bundesstaat Oyo direkt an Lagos grenzt, befürchten wir, dass hier viele Kocher über die Grenze unerlaubt abwandern (Sie erinnern sich: unsere Kocher müssen im Projektgebiet benutzt werden, sonst gibt es kein Geld). Mit Pastor Majau hat sich ein alter Bekannter gemeldet: jetzt haben sich definitiv zwei Gruppen gegründet: die erste mit dem Wunsch, innerhalb von 12 Monaten die Kocher zu bezahlen, eine zweite wird nach der nächsten Ernte (im Herbst) auf DARE zukommen und dann aber zügiger bezahlen. Aus Jos meldet Didi, dass zwei weitere Gemeinden einen Besuch wünschen.

Zum Schluss sprachen wir über das Thema Microkredit (MC): die IMCBank hat sich noch nicht gemeldet, also wollen wir noch einmal den Kontakt zu LAPO aktivieren. Da bietet es sich an, den Besuch beim deutschen LAPO-Vertreter nächste Woche zu nutzen.

Y. sprach dann noch einmal die aktuellen technischen Probleme an. Da wäre erstens die Kommunikationsverbindung, die man evtl. durch Benutzung eines Satellitentelefons verbessern könnte. Dann muss die Stromversorgung im Büro von DARE verbessert werden, denn es gibt keinen Strom mehr (wurde wegen ständigen Ausfalls gekündigt) und die Solar-Power-Box ist die einzige Stromquelle. Und schließlich benötigt Y. ein Bildverarbeitungsprogramm, welches er sich - wegen schlechter Übertragungsqualität - nicht aus dem Internet herunterladen kann. Vielleicht können wir ihm im Mai alles, was er benötigt und sich wünscht, als CARE.-Paket mitgeben. Denn im Mai wird Y. wieder nach D kommen für folgende Programmpunkte: Besuch der Solarkocherkonferenz der EG-Solar in Staffelstein, Besuch bei a. in Berlin, der Kirchentag in Bremen, die LHL-Mitgliederversammlung in Diepholz und zu den Grünen in Schweden.

Bereits am Donnerstag werden wir wieder telefonieren, es gibt Fragen zu unserer Excel-Datenbank. Vielleicht erfahre ich dann etwas über unseren Container.

Grüße

Bernd


11.04.2009

Nachrichten aus Kaduna Nr. 63


Liebe Freunde,

vor knapp 14 Tagen habe ich Euch letztmalig aus Nigeria berichtet, das letzt Telefonat habe ich gestern mit Y. geführt (dazwischen lagen noch ein paar kürzere Telefongespräche), jetzt aber wird es höchste Zeit, gestern habe ich Stunden damit verbracht, ein Download-Problem zu lösen, jetzt habe ich es erst einmal aufgegeben um Euch zu berichten. Beginnen würde ich gerne mit dem gestrigen Gespräch, das ist noch frisch in Erinnerung, aber dann kommt alles etwas durcheinander, also schreite ich weit zurück bis zum 1.4. und lese in meinen Aufzeichnungen, dass sich die MC-Bank wieder gemeldet hat, allerdings noch immer nicht mit dem großen Boss, aber es ist klar, man möchte mit DARE einen Exclusiv-Vertrag abschließen und man will wissen, wie wir darüber denken. Es soll bald ein Vertragsentwurf uns vorgelegt werden, wir sollten uns ebenfalls Gedanken machen. So recht wissen wir nicht, welche Anforderungen wir haben, also wollen wir abwarten.

Y. erwähnt beiläufig, dass nicht nur die Preise für Brennholz gestiegen sind sondern auch die für Taxifahrten. So mußte er kürzlich noch 650 Naira bezahlen für eine Fahrt im Sammeltaxi von Kaduna nach Jos, bei der letzten Fahrt verlangte der Taxifahrer 1.500 Naira pro Person. Aber wir haben in Kaduna zum Glück "unseren" Taxifahrer, der uns Sonderpreise einräumt und wenn einer aus der DARE-Truppe mit vielen S80-Kochern als Gepäck nach Jos fahren muss, dann bezahlen wir nur 3.500 Naira, also etwa 20 Euro.

Ein weiteres ständiges Ärgernis ist sie unzureichende Stromversorgung und Y. hat jetzt beschlossen, den Vertrag für das Büro zu kündigen. Das Versorgungsunter-nehmen NEPA berechnet ständig höhere Preise, es gibt zwar keinen Zähler aber man kann auch nicht das Gegenteil beweisen (ein eigener Zähler ist nicht gestattet). Zudem drohen sie damit, dass wir die Schulden des Vorgängers übernehmen müssten, dieser hätte nach mehrmaliger Mahnung nicht gezahlt, jetzt will man das Geld von uns holen. Also hat Y. gekündigt, obgleich bei einer ersten Anfrage behauptet wurde, das ginge nicht, aber jetzt ging es doch. Nun kann sich das Büro ein wenig auf die Solar-Power-Box verlassen, aber am Abend ist die Batterie erst einmal leer und es dauert ein paar Stunden am nächsten Tag, bis ein paar Ah sich in der Kiste befinden (in den letzten Wochen war das problematisch, denn der trübe Himmel verhinderte eine satte Aufladung). Wir sollen nun die Leistung vergrößern, ein bis zwei Module dazupacken und eine zweite Batterie, "H. hilf, geht das gut?"

Unter der schlechten Stromversorgung leidet auch die Internetverbindung, jede Unterbrechung führt zum Absturz des Rechners, denn leider gibt es keine USV sondern nur Diesel-Generatoren, die im Ernstfall per Hand angeworfen werden müssen. Auch die staubige Luft verschlechtert die Übertragungsqualität, kurzum es macht überhaupt keinen Spaß mehr, lediglich in Abuja oder in Lagos hat man in einigen Internet-Cafes eine stabile Verbindung. Wir müssen uns ernsthaft mit dem Thema Satellitentelefon befassen, aber kann man damit gut auch eMails versenden? Und es wird noch schwieriger, wenn Y. die großen Bilder aus der Digitalkamera auf den Rechner holt, spätestens dann benötigt er ein Bildverarbeitungsprogramm, um die Bilder zu verkleinern. Aber das ist leichter gesagt als getan, denn bei Programmfiles um die 100 MB ist das kein guter Vorschlag, also Warten, bis er in D ist....

Und MC-Bank zum Dritten: Man hat angerufen und einen Vertrag angekündigt für nächste Woche. Also warten.

Unser Büro-Container bewegt sich, wir haben zumindest das Gefühl. Erst hieß es, dass Y. am Montag oder Dienstag nach Lagos kommen möge, dann ein neuer Termin: am Freitag bitte kommen. Das war eine kluge Entscheidung, denn sonst hätte es Terminkollisionen gegeben. Wenn das Gespräch gut läuft dann könnte unser Container nächste Woche die Ausfahrt antreten, kaum noch zu glauben. Das gibt ein paar Jubelrufe, dort unten in Nigeria und hier auch. Wir haben jetzt auch


Bild: Vorführung in Jos vor Mitgliedern einer Kooperative

Rückmeldung von unserer Botschaft in Lagos, die haben einen Spediteur ange- schrieben und dieser hat sich mit unserem Clearing-Agent in Verbindung gesetzt, zu Zweit geht manches besser.

Um die Anerkennung als Gold Standard Projekt zu erhalten müssen wir mehr als üblich machen und a. mahnt uns, ihnen die fehlenden Unterlagen zuzusenden, z.B. das Protokoll über die 2. Stakeholder-Konferenz, die Fragen Betroffener, die sie im Büro in die dortigen Auslagen geschrieben haben (es kam aber keiner ins Büro), die Werbungstexte und –sendungen über das Radio, aber wie das alles per Internet zu senden, wenn schon eine einfache Mail Probleme bereitet? Notfalls mit einem Kurierdienst. Das alles wird benötigt, um für unser Projekt die Anerkennung der UNFCCC zu erhalten. Diese benötigen wir wiederum, wie auch den ERPA (Kaufver- trag, exakt: emissions reduction purchase contract), denn nur dann haben wir Anspruch auf Geld, genauer auf CER’s (certified emissions reduction). Es ist eine Unmenge an Bürokratismus zu erledigen, und es kommt noch mehr, z.B. wenn der Betrieb läuft und das Monitoring beginnt....(das ist ein eigenes Kapitel, davon erzähle ich Euch später, wenn es angelaufen ist).

Für das Büro in Kaduna zeigen sich Beschränkungen, die hinderlich sind, z.B. passt kein zweiter Container auf den Hof. Daher hat Y. seine Fühler ausgestreckt und es hat sich ein Zeitungsverlag gemeldet, der sein altes Grundstück bzw. die ehemalige Betriebshalle gerne vermieten würde. Y. hat eine Besichtigung gestartet und wäre glücklich, wenn sie dorthin ziehen könnten. Es gibt eine große Halle, die zur Montagehalle und gleichzeitig zum Showroom geeignet ist. Dort hinein könnte ein Büro gebaut werden. Das Gelände ist riesig und bewacht, alles ideal. Der Verhandlungspartner ist ein ehemaliger Mitarbeiter, jetzt Journalist im Ruhestand, der sich sehr für unsere Geschäfte interessiert. Er könne sich vorstellen, über unsere Arbeit zu schreiben, wir sollten ihm vielleicht einen SAVE80 schenken, das könnte hilfreich sein.

Y.'s Familie und natürlich auch die anderen Bewohner von Kaduna leiden unter Wasserproblemen. Die Regenzeit war schlecht (kurz und schwächlich), das Wasserwerk liefert nur wenig in das Leitungssystem, es muss viel Wasser beim Wasserverkäufer gekauft werden (zum Waschen und Duschen). Das macht das Leben noch teurer und zudem umständlicher, denn morgens heißt es als erstes auf die Straße gehen und nach dem Wasserverkäufer Ausschau halten. Dann kauft man seine 10 – 20 Liter und dann erst kann man in den Tag starten.

Aus einem kurzen Telefonat am 5. April erfahre ich, dass ein kräftiger Sturm in Kaduna eine Reihe von Häuserdächer abgedeckt und ein paar Hütten umgelegt hat. In Jos dagegen hat es 3 Stunden lang kräftig geschüttet, das Wasser steht knöchelhoch in den Straßen, es wurde viel Boden weggeschwemmt.

Und jetzt zu meinem letzten Telefonat in diesem Bericht, es war mit 2 Stunden aber auch das längste. Am Freitag fliegt Y. nach Lagos, die Situation des Containers ist zu klären. Noch am gleichen Tag will / muss er zurück nach Kaduna, denn am Sonnabend geht es zur Gemeinde Herekamp, wo sich dort die Gemeindemitglieder in großer Zahl versammeln. Sie sollen den S80 vorführen und H. wird wieder einmal einen großen Auftritt haben. Aber es war schon am Dienstag aufregend, denn sie sind ganz überraschend zum neuen Umweltminister John Odey nach Abuja bestellt worden.

Der nigerianische Umweltminister John Odey

Darüber wurde sogar in der Presse berichtet .

Abuja, April 7, 2009 (NAN) The Minister of Environment, Mr John Odey, has commended an NGO, the Development Association for Renewable Energy (DARE), for introducing a fuel efficient stove as a mechanism for reducing deforestation.

He made the commendation on Tuesday in Abuja when the Managing Director of DARE, Mr Yahaya Ahmed, paid him a courtesy visit.

Odey said the initiative was a welcome development that would help in mitigating the effects of climate change and deforestation in Nigeria.

He said: ``With the introduction of the `Save 80 per cent Fuel-Efficient Stove’, deforestation will reduce drastically.

``It is a drive to sensitise our people at the grassroots to stop pulling down trees and to avoid the negative impact of Climate Change.”

He urged the NGO to make the price of the stove affordable to attract patronage, saying that the ministry would collaborate with DARE in the quest for sustainable environment, especially at the grassroots.

Earlier, Ahmed had said the purpose of the visit was to ``demonstrate our commitment to work and partner with the ministry in the campaign against the global danger, called Climate Change, with the initiative of `Save-80 per cent Fuel-Efficient Stove''.

``With the introduction of the stove, we will also contribute to Nigeria's Clean Development Mechanism (CDM) effort,’’ he said.

He said the stove, which was assembled in Nigeria by DARE, had special features that maximised the use of fuel. (NAN)
FFP/NKO/AA/DIP  (News Agency of Nigeria, 7.4.09)
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Der Minister hatte zwar sehr wenig Zeit, aber diese nutzte er für intensive Befragung. Zum Schluss wurde Y. gebeten, dass DARE sich an einer Wüstenkonferenz beteiligen solle, die nächste Woche in Katsina stattfinden werde , organisiert von der Heinrich-Böll-Stiftung. Alles verdammt knapp, eigentlich haben wir Besseres zu tun als auf Konferenzen rumzuhängen. Aber zur Netzwerkbildung könnte sie ja taugen. Zum Schluss erhielt der Minister einen SAVE80 (mit der Serien-Nr. 743) geschenkt, hoffentlich erinnert er sich oft daran. Y. soll ein Konzept für eine Zusammenarbeit schreiben. F. war wohl der Einfädler....

Der Journalist hat sich gemeldet, seine Frau möchte gerne den Kocher sehen und sie hat Freundinnen und Nachbarn eingeladen. H. hat diese Gelegenheit genutzt , im kleinen Kreis eine Demo zu veranstalten und alle waren begeistert. Die Gattin bat um ein Modell, welches sie im Büro aufstellen möchte, da sie glaubt, viele Kolleginnen interessierten sich dafür. Und der Journalist hat das DARE-Büro besucht und  sein Angebot erneuert, dass er in drei Zeitungen über dieses Projekt berichten wolle.

Sorgen macht uns die Buchhaltung, wir bekommen nur wenige Zahlen. Y. deutete eine Überlastung an und dass er bereits plane, eine professionelle Buchhalterin einzustellen. Ich unterstützte dies sofort, denn es nutzt wenig, wenn wir verkaufen aber keiner hat den Überblick, wohin verkauft und wie viele Raten gezahlt wurden.

Insgesamt habe ich jetzt wieder ein gutes Gefühl und in der nächsten Woche, also nach der Fastenzeit, könnte es richtig losgehen und dann schau’n wir mal, wann der Container leerverkauft ist.

Am Montag werden wir wieder miteinander telefonieren, bis dahin muss ich mich ein wenig ausschlafen, es ist 4 Uhr 10 und heute muss ich noch Ostereier bemalen....

Bernd



31.03.2009

Nachrichten aus Kaduna Nr. 62

 

Liebe Freunde,

vor nahezu 14 Tagen habe ich Euch die erfreuliche Situation in Nigeria beschrieben, und seitdem geht es wieder langsam aufwärts, worüber ich heute ausführlicher berichten möchte. Beginnen will ich mit einer Story, die zeigt, wie misstrauisch die Menschen dort sind, insbesondere die Landbewohner, misstrauisch gegenüber allg. technisch-physikalischen Vorgängen, aber auch gegenüber modernen Dienstleistungsangeboten. Doch der Reihe nach: Y. war mit seinen Freunden aus Jos – mit ist nur Didi als Name geläufig – von eine Kirchengemeinde zu einer Vorführung eingeladen worden und die fand am Sonntag nach dem Gottesdienst statt. Und wie üblich bestand sie aus den beiden Teilen Vortrag und Vorführung. Y. hatte vor einer hundertköpfigen Zuschauerschar seinen Vortrag fast beendet, als er von draußen ein Zeichen bekam, dass der SAVE80 jetzt vorgeheizt war und man mit dem Reiskochen beginnen können. Diesen Moment nutzte Y. und fragte seine Zuhörerinnen, ob sie glauben könnten, dass man mit einem Handvoll Bündel Holz einen 8l-Topf voll mit Reis kochen könne. Ungläubiges Kopfschütteln war die Antwort und er deutete dann auf die leere Wonderbox um zu erklären, dass er jetzt lediglich den Reis in das kochende Wasser schütten würde, der Rest des Kochvorganges würde ohne Hitzezufuhr in dem Isolierbehälter ablaufen. Daraufhin sprang ein Mann auf ihn zu und drohte, diesen ganzen Schwindel auffliegen zu lassen, denn er habe ähnliches bei der letzten Wahl erlebt, auch da wären die Stimmzettel in einer schwarzen Kiste abtransportiert worden und in der Hauptstadt angekommen waren ganz andere Stimmzettel in dem Kasten.

Y. versprach ihm, auf diese Box aufzupassen und dass er für die nächste halbe Stunde sie nicht aus dem Auge verlieren dürfe. Dies tat der Ungläubige und setzte sich für diese Zeit auf die Wonderbox, währenddessen Y. seinen Vortrag fortsetzte und nach 30 min. beendete. Dann musste der Wächter seinen Platz verlassen und unter erhöhter Aufmerksamkeit wurde der Deckel geliftet und dem staunenden Publikum schon mal gezeigt, dass nur ein großer Haufen Reis und kein Wasser mehr sich im Topf befanden. Das war dem männlichen Zuschauer dann doch zuviel des Zaubers und er rief nach dem Priester, der dies erklären müsse. Dieser tat sein Bestes, doch das war nicht genug und er wurde gebeten, diesen Zauber durch ein Gebet zu bannen. Der Priester sprach also einige bedeutungsvolle Worte und zum Schluss betete er mit der Gemeinde ein Gebet und dann erst durfte die Gemeinde den Reis probieren.

Wie wir es nicht anders erwartet haben war die Begeisterung ob des reinen Geschmacks groß und alle fragten, wie sie in den Besitz der Magic-box gelangen könnten. Jetzt sollte die Stunde der Microkreditbank schlagen und die beiden jungen Bankangestellten gaben sich auch alle Mühe. Doch wie kann man die Skepsis ausräumen, wenn man einen Kredit verspricht und als erstes darum bittet, dass bei der Kontoeröffnung die erste Rate sofort einzuzahlen ist. Tatsächlich ist das eine der Forderungen von Junus, der allerdings bei der nigerianischen Landbevölkerung nicht bekannt ist und daher nur ungläubiges Staunen erzeugt wird. Also hat sich der Priester bereit erklärt, dass die Ratenzahlung nach dem hier bekannten System erfolgen solle, nämlich nach Eintragung in eine Liste wird der Pfarrer entscheiden, wer kreditfähig ist und diese erhalten unsere Kocher ohne weitere Prüfung.

Sofort haben 43 Frauen dieser Gemeinde (der Cocin-church in Vom/Jos) ihren Namen aufschreiben lassen, 10 davon haben sofort die erste Rate bezahlt und eine der Frauen hat ihre Tochter zum Geldholen nachhause geschickt, um die gesamte Summe bezahlen zu können. Heute ist Didi mit den 10 Kochern nochmals zur Gemeinde gefahren und es wird erwartet, dass dann mind. 50 Namen auf der Liste stehen.

Das war der Sonntag und inzwischen ist Y. wieder zuhause in Kaduna eingetroffen. Von dort war er am Do. vor einer Woche zuvor aufgebrochen mit dem Ziel Universität in Jos. Dort gibt es eine Kooperative, die für ihre Mitglieder Sammeleinkäufe tätigt und die sich für unseren Holzsparkocher interessiert, da durch die Wirtschaftskrise die Energiepreise in den letzten Wochen rasant angestiegen sind. Dies führt dazu, dass Barverkäufe eine Seltenheit sind und auch die Raten nur noch am Monatsende gezahlt werden, also wenn es Geld gab. Dies ist auch der Grund, warum dem Messebesuch nur ein bescheidener Erfolg vergönnt war und auch der Grund für die Hoffnung, dass Microkredite aus dem Dilemma helfen können. Die Microkreditbank allerdings macht sich verdammt rar, zur Verabredung bei Pastor Majau jedenfalls war kein Vertreter erschienen. Hier erfuhr Y., dass die Interessenteliste sich nur langsam füllt, aber zu Ostern will der Pastor sie abschließen und er hofft, dass dann etwa 50 Namen darauf stehen werden. Allerdings wies er darauf hin, dass wir mit der Rückzahlung Geduld haben müssen, denn seine Gemeinde sei arm und es könne bis zu einem Jahr dauern.

Wir haben Geduld, viel Geduld, auch mit der Uni-Kooperative. Hier haben sich schon weit über 100 Interessenten gemeldet (auch Nicht-Mitglieder, die wir aber an die MC-Bank verweisen werden), aber der Vorstand muss erst noch seine Zustimmung geben, denn diese Kooperative will uns den Betrag sofort voll auszahlen, dazu wird viel Bargeld in der Kasse benötigt. Yahaya rechnet mit einer sehr großen Bestellung, so groß, dass es sich nicht einmal lohnen würde, noch Kocher nach Kaduna zu bringen. Ich höre es, aber glauben kann ich schon gar nicht mehr, ich warte bis Ende dieser Woche auf das Ergebnis und erst dann könnte man daran denken, den Sekt kaltzustellen und an H. K. die nächste Bestellung durchzugeben (oder vielleicht besser umgekehrt?).

Yahaya jammert nicht nur über die mangelhafte Stromversorgung, sondern jetzt auch über die schlechte Wasserversorgung. Das Wasserwerk sowohl in Kaduna als auch in Jos pumpt nur selten Wasser in die Leitungen und dann ist es von schlechter Qualität und reicht gerade zum Wäschewaschen oder für die Toilette. Zum Trinken muss man auf die Straße und den Wasserverkäufer suchen (teuer) oder sich Wasserflaschen im Geschäft kaufen (sehr teuer). Zudem ärgert ihn der Vermieter des DARE-Büros und sie planen einen Umzug. Aber auf dem angebotenen Gelände gibt es zwar ein riesiges Freigelände und eine große Halle, jedoch ohne Wasser und Toilette. Das müsste aber schon hergerichtet werden, dann wäre das Angebot Super. Wir hätten viel Platz, um alle unsere Geräte repräsentativ aufzubauen und sogar LAPO könnte man ein Angebot unterbreiten, dort mit einzuziehen. Denn die wollen ein Programm starten, um entwicklungsrelevante Produkte zu vertreiben. Und es wäre auch Platz für eine Lapo-MC-Bank. Da H. Vester Ende April Besuch des LAPO-Gründers erhält, wollen wir uns in Bonn treffen, um dieses Thema zu erörtern.

Für Ostern hat Y. seinen nächsten Besuch in der Gemeinde Herekamp geplant, die sammelt fleißig die Namen von Interessenten und am Ostersonntag soll eine weitere Vorführung stattfinden. Da an diesem Wochenende Hunderte von Gemeindemitgliedern sich dort versammeln werden, rechnet Y. auch hier mit einer größeren Bestellung. Wir müssen also ernsthaft an die Belieferung mit dem nächsten Container rechnen und haben noch keine richtige Idee, welcher Transportweg der bessere ist. Sicher scheint, dass Lagos noch immer unpassierbar ist und immer mehr Containerschiffe den Hafen Cotonou in Benin ansteuern. Würden wir sofort machen, wenn wir wüssten, wie es an der Grenze zu Nigeria weitergeht. 1.500 Kocher sollen im nächsten Container versandt werden, das ist schon ein größeres Risiko, wenn dieser längere Zeit hängen bleibt. Und dann gibt es noch zwei Varianten: den kurzen Weg parallel zur Küste zur Grenze Richtung Lagos und einen wesentlich längeren, der sogar über Niger führt und erst hoch im Norden Nigerias Grenze überschreitet. Hier würden wir doch lieber den kurzen Weg wählen, auch wenn viele andere Speditionen die Grenzstadt Seme /Idiroko ansteuern werden. Wir haben auch Luftfracht erwogen, aber da überschreiten wir eindeutig unser Kostenlimit, denn hierdurch würde sich der Preis für den Kocher mehr als verdoppeln.

Die letzte Nachricht in dieser Nacht betrifft unseren Bürocontainer, der noch immer irgendwo in der Nähe von Lagos  auf uns wartet. Eine Spedition haben wir beauftragt und die verhandelt mit wem weiß ich nicht, aber es hat sich jetzt endlich auch - nach zahlreichen Hilferufen - die Deutsche Botschaft gemeldet, die unseren Container suchen lassen wird. Hoffentlich haben wir Erfolg; denn das darin befindliche Auto wäre jetzt eine große Hilfe. Bei den letzten Unruhen in Jos sind zahlreiche Autos verbrannt worden und da es mehr Taxen als Privatwagen gibt liegen viele ausgebrannte Taxen am Wegesrand. Dafür sind lange Warteschlangen an den Taxiständen zu verzeichnen und es benötigt einen erheblichen Zeitaufwand, ein freies Taxi zu ergattern. Und wenn man eines gefunden hat dann ärgert man sich erst einmal, denn durch die Verknappung und die steigenden Energiepreise sind auch die Taxipreise fast unerschwinglich, ein Luxusgut ist die Taxifahrt geworden und Yahaya wünscht sich nichts sehnlicher, als davon unabhängig zu werden. Taxifahren in Nigeria ist ein Geduldsspiel, denn die (billigen) Sammeltaxen haben ihre festen Routen, so wie bei uns die Buslinien. Will man also von A nach E, dann musst Du in B aussteigen und ein neues taxi suchen welches Dich bis D bringt und nach nochmaligem Umsteigen landest Du dann auf dem Taxisammelplatz in D (und von hier aus muss der Rest des Weges zurückgelegt werden). Wer allerdings viel Geld hat kann sich ein Einzeltaxi bestellen, aber viele gibt es nicht, denn mit einem Sammeltaxi verdient man mehr Geld. Hier muss jeder Fahrgast seinen festen Preis bezahlen, egal wie voll das Taxi ist - und es ist klar, dass 6 Fahrgäste das Mindeste ist was zugeladen werden kann.

Beim Niederschreiben denke ich wieder einmal, welches luxuriöse Leben wir hier doch führen, noch ein Schluck kühles Wasser aus dem Kühlschrank vor dem Schlafengehen, keine endlose Schlacht mit den Moskitos bzw. Einreiben mit Antimückentinktur, ich kann meine Abendwäsche unter sauberen, warmen fließendem Wasser verrichten, das elektrische Licht leuchtet in den letzten Winkel und geht erst aus wenn ich es ausschalte und brauche mir beim Einschlafen auch keine Sorgen zu machen, dass ich auf diese Annehmlichkeiten morgen verzichten muss. Darum also eine Gute Nacht.

Bernd



18.03.2009

Nachrichten aus Kaduna Nr. 61

 

Liebe Freunde,

vor mehr als 14 Tagen habe ich Euch und Ihnen die ziemlich miese Situation in Nigeria beschrieben, doch es hat sich in der Zwischenzeit einiges getan, worüber ich berichten muss, denn es gibt auch noch Zeiten der Wunder. Ihr ahnt es vielleicht schon: seit 3 Tagen steht unser Container in Jos, wohlbehalten und unversehrt und seit heute wird gearbeitet. Doch nun der Reihe nach, denn ein wenig will ich Euch und Ihnen schon berichten, was dazu geführt hat. Mitte August 2008 hatten wir den zweiten Container mit 1.000 Holzsparherden bestellt und Mitte September hatte der Frachter den Container in Lagos entladen. Danach hat es noch einmal nahezu sechs Monate gedauert, bis der Container den Hafen verlassen konnte, das war am Freitag und zwei Tage später hat er - nach fast 1000 km Landweg - seinen Zielort in Jos erreicht. Es ist weder genügend Platz noch habe ich die Nerven, alle Ereignisse, und die meisten davon ähneln mehr einem Hindernisparcours, noch einmal für Euch/Sie aufzuzählen.

Dennoch muss ich eine besondere Hürde hervorheben, denn diese wird uns – befürchte ich - noch eine Weile beschäftigen: die Handlungsunfähigkeit des Hafen in Lagos. Hierüber ist in der hiesigen Presse nichts zu lesen, auch im Fernsehen habe ich darüber keine Nachricht vernommen, in Nigeria allerdings ist es eines der Dauerthemen. Die beiden Häfen in Lagos – Apapa und Tincan Island – sind die größten Häfen Nigerias und auch die beiden einzigen, deren Infrastruktur noch einigermaßen funktioniert. Da ein Großteil des Warenverkehrs der westafrikanischen Länder zudem über Lagos geleitet wird, haben diese Häfen eine herausragende wirtschaftliche Stellung. Die Misere begann bereits im letzten Jahr, als der Hafenbetrieb privatisiert wurde, wohl in der Meinung, dass Staatsangestellte per se langsamer arbeiten und teurer sind als Angestellte bei Privatfirmen. Das Ergebnis mündete in einem Chaos, von dem nicht nur unsere Partnerorganisation D.A.R.E. mit unseren beiden Containern betroffen war, sondern das gesamte Land, vermutlich sogar die Region Westafrika. Haben wir auf unseren ersten Container noch etwa drei Monate warten müssen, ehe er den Hafen verlassen konnte (und das auch nur unter Zuhilfenahme einer kleiner Aufmerksamkeit), und geglaubt, beim nächsten würde die Zeit eher halbiert werden können, so sind wir jetzt nach doppelt so langer Wartezeit eines besseren belehrt worden (Afrika ist unberechenbar). Aber nicht nur unsere Partner und unsere Kunden stöhnen über die langen Wartezeiten, die gesamte nigerianische Wirtschaft, die teilweise vollständig vom Export abhängig ist, ächzt unter dieser Misswirtschaft. Inzwischen ist vom Staatspräsidenten persönlich veranlasst worden, dass Lagos bis auf weiteres für den Schiffsverkehr komplett gesperrt ist in der Hoffnung, dass das Chaos bis dahin beseitigt werden konnte (dies soll dadurch geschehen, dass alle Container, die länger als 60 Tage im Hafen liegen, nach außerhalb gebracht werden). Auch unseren beiden Containern drohte die Abschiebung und zudem wurde verkündet, dass diese Container herrenlos seien und damit für eine Versteigerung freigegeben werden. Sowohl wir als auch unsere nigerianischen Freunde waren schockiert, mit welcher Kaltschnäuzigkeit sich die Staatsgewalt einen Zugriff auf legales Eigentum verschaffen kann. Mit diesem Willkürakt hat sich Nigeria bei der Exportwirtschaft keine Freunde verschafft und es bleibt nur zu hoffen, dass das nicht der letzte Akt in diesem Trauerspiel war.

Als mir Y. dann allerdings schilderte, wie unser Container abgeladen wurde, musste ich doch wieder schmunzeln, denn Probleme lösen unsere afrikanischen Freunde ungewohnt und unkonventionell. Das Problem ergab sich kurzfristig dadurch, dass der einzige funktionsfähige Schwerlastkran defekt ging und unser Container, der 10 t auf die Waage bringt, zügig abgeladen werden musste. Daraufhin wurden drei Lastwagen bestellt, die mit kleinen Kränen ausgerüstet sind, zwei hoben den Container vorne an, der dritte hielt ihn hinten fest am Haken und dann gab der Lastwagenfahrer Gas. Das Ergebnis war, dass der hintere Lastwagen wegen des unvermutet hohen Gewichts nach vorne in die Knie ging und dabei plumpste unser Container unsanft zu Boden, das war’s.

Ein Sprung zurück in der Zeit: Unser nigerianischer Partner Y. hat uns im März kurzfristig einen einwöchigen Besuch abgestattet (auf dem Bild sitzen wir bei H. (unser Mann für den Kongo) am Tage seiner Ankunft und beraten die damals noch ausweglose Situation. Trotzdem haben wir, wie man sieht, die Hoffnung nicht aufgegeben und für die Zeit X Pläne geschmiedet, z.B. wie wir die Nachfrage nach Solartrocknern befriedigen können und wer für uns Solar-Power-Boxen montieren könnte. Hier stoßen wir immer wieder auf das Thema „Berufsausbildung“, ein Thema, welches den meisten afrikanischen  Ländern unter den Nägeln brennt.

 von links P., J., H., B., Y. und H. (unsichtbarer Fotograf) im Büro Düsseldorf

Y. blieb allerdings nur einen Tag in Düsseldorf, am nächsten Tag ging es weiter nach Lund in Schweden, denn von der dortigen Grünen Partei hatte er eine Einladung zu einem Vortrag erhalten. Am Freitag kehrte er zurück, bepackt mit interessanten Eindrücken und einem vagen Angebot, dass man uns evtl. finanziell unter die Arme greifen könne, wenn das Thema Microkredit eine Rolle spielt. Daran arbeiten wir im Hintergrund, denn primär muss das Geschäft wieder angekurbelt werden. Weniger was unsere Kundschaft betrifft, sondern unser Personal: es ist nach der langen Durststrecke fremd gegangen, will sagen, dass sich die Frauen und Männern mit anderen Möglichkeiten des Broterwerbs beschäftigen mussten, denn um die Familien mit dem täglichen Brot zu versorgen, müssen unsere Mitarbeiter woanders jobben gehen, solange keine SAVE80 zu verkaufen sind. Jetzt werden sie (hoffentlich) zurückkommen, sie sind als ausgebildete SAVE80-Verkäufer und Techniker für uns unentbehrlich.

Sie werden vielleicht schon gefragt haben wollen, wo in aller Welt liegt Jos und was soll unser Container mit 1.000 SAVE80 dort? Jos ist die Hauptstadt des Bundesstaates Plateau, der östliche Nachbar von Kaduna. In Jos leben etwa 850.000 Menschen und viele von ihnen sind potentielle Käufer unseres SAVE80 (Jos liegt übrigens auf einer Hochebene 1250m hoch und gilt als beliebtes Urlaubsziel wegen seines gemäßigten Klimas). Dort also haben wir bereits seit Wochen ein zweites Büro angemietet und vier Mitarbeiter eingestellt. Ab Mittwoch beginnt es dort mit der Montage (ein guter Techniker montiert ca. 15 Kocher pro Tag) und am Monatsende startet der Verkauf (Geld übrig haben die kleinen Leute nur wenn Zahltag ist). Unsere größten Kundengruppen sind zwei Kirchengemeinden, die Universität, die Taxifahrergewerkschaft und die Polizei. Wir sind sehr optimistisch und glauben, dass wir nach der guten Vorarbeit sehr schnell unsere Sparkocher verkaufen können, denn mind. 500 müssen nach Kaduna gebracht werden, dort gibt es ebenfalls eine ungeduldig wartende Kundschaft.

Das war der Sachstand am letzten Montag und inzwischen hat sich die Erde ein Stück weiter gedreht. Noch am Wochenende war das Team von DARE, unsere Partnerorganisation, nach Jos gefahren (das sind etwa 300 km), um die Vorbereitungen für die nächsten Tage und Wochen zu treffen, insbesondere die Nummerierung der Kocher, denn zukünftig muss jeder Kocher eine Nummer besitzen, damit eine Rückverfolgung möglich ist.. Die nigerianischen Freunde sind einerseits hocherfreut, dass unser Container mit den SAVE80 endlich endlich eingetroffen ist, aber andererseits betrübt sie es, dass unser Bürocontainer seit sieben Monaten im Hafen liegt und kein Lebenszeichen über ihn zu erhalten ist. Dann aber kam am Montag ein Anruf aus Lagos von unserer neuen Spedition, dass Y. umgehend nach Lagos kommen solle. Ja, wir haben eine neue Spedition, die eine andere Lizenz besitzt, das mussten wir auch lernen: Unser bisheriger Partner war nur ein Shippers Agent, der nicht mit den Behörden verhandeln durfte, unsere neue Spedition ist ein Clearing Agent und hat die Erlaubnis, sich auch um Zollformalitäten zu kümmern (insgesamt sechs Dienststellen und Organisationen behindern die Arbeit im Hafen und alle kassieren ab). Das war nun ein gutes Zeichen und am Dienstag war er Y. also in Lagos (das sind fast 1000 km und die fliegt man). Von dort zurück war Y. nicht mehr ganz so erbaut, denn unseren Container hat man zwar unter den ca. 18.000 Containern auf einem Militärgelände etwa 40 km außerhalb von Lagos entdeckt, doch alle die dort stehen sind zur Versteigerung freigegeben. Noch besteht Hoffnung in der Form, dass wir einen Interessenten finden, der ihn für uns ersteigert, denn diese Versteigerungen spielen sich überwiegend intern ab und den „Auktionspreis“ kennen wir auch schon: es sind die Zollgebühren zzgl. Lager- und Transportkosten, und als ich das hörte, habe ich vor Ärger erst einmal in die Tastatur meines PC gebissen, denn die Fahrt in das Militärlager haben wir nicht bestellt und müssen sie trotzdem bezahlen. Nun haben wir 3 Tage Zeit uns zu entscheiden, spätestens am Mo. wird er sonst unter den Hammer kommen.

Themawechsel: Aus Schweden lag eine Anfrage vor, dass man unser Projekt gut fände und eine finanzielle Unterstützung durchaus vorstellbar sei. Am Dienstagabend traf eine eMail aus Lund ein, dass sich die schwedischen Freunde mit unserem Projekt weiter befasst haben und so interessiert sind, dass ein Besuch mit Vorführung des SAVE80 erbeten wird. Also gehen wir in Gedanken gerne für einen Moment nach Schweden und planen für die zweite Maihälfte einen Besuch in Lund, dort scheint für uns die Sonne. Die schwedische Organisation unterstützt den Gedanken des Microkredites und wir werden sehen, wie wir unser Projekt darauf ausrichten können.

In meinen Bericht aus Nigeria möchte ich zum Schluss doch noch einmal nach Jos zurückkehren, denn heute am Donnerstag, d.h. in zwei Stunden, wird Y. nach Jos aufbrechen mit dem Ziel der dortigen Universität. Diese besitzt eine große Kooperative mit über 1.000 Mitgliedern und der Vorsitzenden hat Y. bereits letzte Woche besucht, um sich über die Vorzüge unseres SAVE80 zu informieren. Er war derart begeistert, dass er spontan alle Mitglieder zu einer Vorführung einlud und das ist heute. Y. hat schon einmal vorsorglich 100 Kaufverträge ausgedruckt und hofft, dass er den größten Teil mit den Namen der Käufer ausfüllen kann. Natürlich drücken wir ihm von hier aus die Daumen und vielleicht reichen die 100 Vertragsformulare auch gar nicht aus.

Mit dieser schönen Vorstellung verabschiede ich mich jetzt erst einmal und heute Abend werde ich erfahren, ob sich mein/unser Traum erfüllt hat.

Mit den besten Nachtgrüßen

Bernd


 

 Obst- und Gemüseverkäufer am Straßenrand


26.02.2009

Nachrichten aus Kaduna Nr. 60

 

Liebe Freunde,

vor 14 Tagen habe ich versucht Euch die Situation in Nigeria zu beschreiben und es wäre ein Wunder, wenn nach Ablauf von zwei Wochen eine Änderung eingetreten wäre. Vielleicht habt Ihr den Zeitungsartikel gelesen, den uns P. am 21. Febr. zusandte, daraus ist die ganze Misere erkennbar und Auswege werden auch dort nicht aufgezeigt. Die Sache ist ziemlich verfahren und wie mir Y. gestern am Telefon berichtete, würden sich jetzt die Besitzer der Container erregen, da sie für eine Lagerzeit horrende Lagergebühren zahlen sollen, die nur durch Unfähigkeit und Schlamperei entstanden ist. Ich habe schon daran gedacht, die Hafenbehörde zu verklagen, aber Y. winkte ab bei dem Gedanken, seine Gerichtsbarkeit anzurufen, das wäre von vornhinein eine Totgeburt (sorry).

Nun wisst Ihr zumindest, dass wir wieder miteinander telefonieren, denn Y. war in den letzten Tagen ziemlich groggy und da macht sogar Telefonieren keinen Spaß. Der Hamatan weht dieses Jahr kräftig und all der Staub in den Augen, der Nase und den Ohren, man wagt kaum den Mund zu öffnen und trotzdem atmet man die staubige Luft ein, und das hat Y. so arg zu schaffen gemacht, dass er sich eine Auszeit nehmen musste. Seine beiden Frauen (Ehefrau + Tochter) sind da weniger beeindruckt, denn bei meinem ersten Anruf um 21.15 tobte Ta Dutse noch durch das Zimmer. Gestern ging es aber schon wieder aufwärts, zumindest gesundheitlich, und ein Zeichen dafür ist auch die Tatsache, dass er erst nach mehr als zwei Stunden telefonieren zu gähnen anfing. Da ich selber früh aufstehen wollte war mir das gar nicht unrecht, dass wir uns gegen 1.10 verabschiedeten, es gab eine Menge zu hören und ein wenig davon möchte ich an Euch weitergeben.

Das Wichtigste zuerst: Y. wird für einen Kurzbesuch Anfang März nach Deutschland kommen, doch sein eigentliches Ziel ist Schweden (Lund). Von den dortigen Grünen wurde er bereits anlässlich einer Konferenz in Benin (ich habe davon berichtet) eingeladen und jetzt ist es soweit. Aber sowohl auf dem Hin- als auch auf dem Rückweg macht er einen Zwischenstopp in Deutschland und das wird vorauss. der 7. + 8.3. sein, über ein gemeinsames Treffen müssen wir uns noch unterhalten. Das zweitwichtigste Ereignis ist sein bevorstehender Umzug. Sie bleiben in Kaduna South aber eine neue Wohnung muss her, denn die Wasserversorgung funktioniert nicht (das ist schon ein anstrengender Start, am Morgen vor dem Waschen bzw. Duschen auf die Straße zu springen und nach Wasserverkäufern Ausschau zu halten, wenn gefunden ihm dann 6 Kanister mit je 5l Wasser abzukaufen, die 30l nachhause zu schleppen, mehr ist kaum zu schaffen und mit weniger macht das Duschen keinen richtigen Spaß, wohlgemerkt 10l, denn die 30l müssen für alle Drei reichen). Neben dem Wasserproblem gibt es noch eine Lärmquelle in direkter Nachbarschaft, eine Kirchengemeinde, die jeden Tag über Lautsprecher ihre Predigten verbreitet, einmal morgens ab 7 und einmal abends bis 20 Uhr, da ist an Ausschlafen nicht zu denken.

Und wenn wir schon beim Aufzählen der Ärgernisse sind: auch der Vermieter unseres Büros in Kaduna macht uns Ärger, denn nachdem DARE das heruntergekommene Büro von Grund auf renoviert hat möchte der Vermieter nun eine höhere Miete, wenn nicht von DARE dann von anderen Mietern, es gäbe eine Reihe von Interessenten. Aber Y. hat schon ein Ausweichquartier gefunden und dieses hat zudem den Vorzug, dass er zu Fuß nach Hause gehen kann, ins neue Heim wohlgemerkt. Und wenn Ihr mal Lust auf eine Reise nach Kaduna habt, die neue Wohnung verfügt auch über ein Gästezimmer und sogar eine angeschlossene Dienstmädchenwohnung mit zwei kleinen Zimmern, kleines Bad und kleine Küche. Gekocht werden kann natürlich auch auf dem Hof, genauer auf der Terrasse mit direktem Zugang zur Küche. Wenn der Wasserspeicher auf dem Dach funktionsfähig gemacht wurde – derzeit läuft das Wasser genauso schnell raus wie es reingepumpt wird – werden sie umziehen, vorauss. noch im März.

Die politische Szene ist ziemlich unruhig derzeit, denn es wurde eine Untersuchungskommission gegründet die die Aufgabe hat, die vielen Privatisierungen der letzten Jahre zu durchleuchten. Es gibt den Verdacht, dass es dabei nicht immer korrekt zuging und zudem besteht die Vermutung, dass einige private Firmen ihr Geschäft schlechter besorgen als vorher die staatlichen Institutionen. Bereits 154 Firmen sind gelistet und die politische Elite ist nervös, denn sie sind die Begünstigten. So ist es auch zu verstehen, dass der private Hafenbetreiber einen sehr schlechten Job macht aber die Besitzer sprich Politiker keinen Druck ausüben dies zu ändern, denn so schlecht ist das Geschäft auch wieder nicht. Aus dem oben zitierten Zeitungsartikel kann man z.B. entnehmen, dass seit der Privatisierung die Liegegebühren für einen großen Container von 12.000 Na auf 80.000 Na gestiegen, das sind 457 Euro. Als ich das las war ich zweifach erschrocken, einmal ob der Preissteigerung und andererseits frage ich mich, ob das die Kosten für die tägliche, wöchentliche oder monatliche Liegezeit sind? Unser S80-Container liegt seit Mitte Sept. im Hafen, also 5 Monate sind 150 Tage. Die Summe will ich gar nicht erst ausrechnen, das kann nicht und darf nicht sein.

Vor ein paar Stunden hat Zerzawy uns die aktuelle Version des PDD zugesandt, die der TÜV-Nord erhalten hat. Ich sehe schon folgende Situation, dass wir als erstes Projekt (im Bereich der Haushaltsenergien) als CDM-Projekt offiziell bei der UN registriert sind aber nicht handlungsfähig, weil die Hafenbehörde die Auslieferung unseres Containers verhindert.

Ich höre hier auf, höre auf zu denken und höre auf zu schreiben, doch bin ich noch immer guten Mutes dass es irgendwie noch klappen wird.

Grüße

Bernd

 

 

13.02.2009

Nachrichten aus Kaduna Nr. 59

 

Liebe Freunde,

die Situation in Nigeria würde ich in knappster Form als schizophren bezeichnen. Deshalb, weil es in Lagos nichts als Chaos gibt und im Hinterland, also in Kaduna das Geschäft brummt mit dem Ergebnis: unsere Auftragsbücher sind voll und der Container ist auf dem Papier schon längst verkauft.

Nur ein Satz zu Lagos: seit Mo streiken zuerst die Makler, dann die Spediteure, dann die Lastwagenfahrer, dann die Hafenarbeiter, seit Do. ist der Streik beendet. Doch wann es wieder weiter geht ist noch unklar, denn die Situation bleibt wegen der verworrenen Verhältnisse unklar und angespannt, alle wollen ihren Container rausbekommen ehe die 60 Tage abgelaufen sind, dann wird er nämlich nach außerhalb verfrachtet. Zudem haben wir eine handschriftliche Zolltariferklärung erhalten, danach müssen wir zuviel bezahlen, nur 750 Euro, aber es lohnt sich zumindest der Versuch, dagegen Einspruch zu erheben.

Ganz anders hingegen die Situation in Kaduna. Das Gespräch mit der MC-Bank, die sich übrigens IMFC  nennt (Integrated Micro Finance Bank), trägt erste Früchte. Es sind nach den ersten Gesprächen spontan 100 Kocher bestellt worden mit der Zusage einer Auszahlung des Kaufpreises sofort nach Kaufabschluss und angekündigt der Bedarf weiterer 50 für eine Vorführung vor einer Frauenkooperative, die am Mo. stattfinden soll.

Y. selbst war zuerst nach Lagos gebeten worden, jetzt ist das Gespräch nach Abuja verlegt worden und hat bereits stattgefunden. Einer der verantwortlichen Bankdirektoren hat sich den SAVE80 erklären lassen und Y. daraufhin sofort in die Pflicht genommen. Nun also darf er nicht zurück nach Kaduna sondern flog weiter mit den Bankern nach Lagos, wo am Sa. ein MC-Workshop für über 100 Bankangestellte stattfinden wird. Die gesamten Kosten für diesen überraschenden Ausflug wurden ihm erstattet, einschl. dem kauf einer Wäschegarnitur. Der Bankdirektor ist nicht nur von dem Verkaufspotential des S80 begeistert sondern auch von dem großen Nutzen für das Land und hat seine volle Unterstützung zugesagt. Daraufhin hat Y. zwei Sekretärinnen aus Abba Bellos Büro angefordert, denn er will die 100 Bankangestellten mit einer Kochdemonstration überzeugen.

Weil aber Auta in seiner Werkstatt nur noch für ca. 100 Kocher Einzelteile lagert, alle Töpfe aber bereits verkauft sind, überlegen wir ernsthaft, 100 Töpfe per Luftfracht nachzusenden. Das kostet max. 500 € und das ist es uns Wert, einen potentiellen Partner unsere Leistungsfähigkeit zu beweisen (immerhin stehen dem Einnahmen von 6000 € gegenüber und der Kocherpreis erhöht sich lediglich um 5 €, wenn wir diesen Betrag auf den Preis aufschlagen würden). Damit würde Y. sich und seine Mitarbeiter für die Kochermontage entlohnen können, denn das Büro von DARE ist verwaist. Kein Wunder, alle Mitarbeiter haben sich einen neuen Job gesucht, denn sie brauchen Geld zum Leben und unsere Reserven sind aufgezehrt. Aber wir sind optimistisch, dass wenn das Geschäft wieder anläuft alle sofort zurück kämen (hoffen wir es).

Der Hamatan macht nicht nur den Bewohnern der nördlichen Bundesstaaten zu schaffen, sondern auch bis nach Abuja wirken sich die Sandstürme aus. Im Norden liegt der Flugverkehr lahm, in Abuja landen und starten die Flieger je nach Wetterlage. Und auch unsere Solar Power Box leidet, denn bei der geringen Sonneneinstrahlung kann sie kaum ordentlich aufgeladen werden. So hat er unser vorletztes Gespräch bei Kerzenschein führen müssen. Unser letztes Gespräch kam aus Lagos, hier war die Welt in Ordnung, die Banker-Truppe war gerade aus Abuja im Hotel eingetroffen, ich hörte viele Stimmen, aber es war ja auch noch vor Mitternacht. Da es aber Morgen sehr früh los geht, beendeten wir unser Kurzgespräch bereits nach 30 min. Morgen am Sa. will er auch noch zum Lagos Hafen, vielleicht hat sich etwas bewegt, die Hoffnung stirbt zuletzt.

Von anderer Seite habe ich jedoch ebenfalls erfahren, dass für das Import-/Exportgeschäft deutsche Firmen in letzter zeit verstärkt Lagos meiden: zu teuer, zu undurchsichtig und Cotonou, den Hafen des benachbarten Benin bevorzugen. Ich bin sicher: Wir werden diesen Weg auch einmal testen müssen.

Grüße von

Bernd


PS: Die Polizei-Sondereinheit (s. letzter Bericht) wurde wieder aufgelöst, da die Bevölkerung anderenfalls mit Boykott der "Meisterschaften" droht.



 Lagos ist immer eine Reise Wert und Taxis (gelb) gibt es jede Menge.


06.02.2009

Nachrichten aus Kaduna Nr. 58

 

Liebe Freunde,

ein Schritt zurück und dann aber zwei Schritte vor hört sich weit besser an als umgekehrt. So nämlich war es letzte Woche, jetzt haben wir wieder einen großen Schritt in Richtung Lagos Hafen geschafft. Der Schritt zurück, wir sind schon über nichts mehr überrascht, war ein schlecht sitzender und schwer erkennbarer Stempel auf dem wichtigsten Formular, dem Form M. Dieses wird von der Bank ausgestellt und nachdem eine uns bis dahin unbekannte Behörde dem Stempel seine Echtheit aberkannt hatte (durch Zahlung eines größeren Betrages hätte man auch sofort und ohne Umweg diesen Makel eliminieren können) haben wir unsere Bank gebeten, den Stempelvorgang korrekt und gem. der bekannten Vorschriften zu wiederholen. Glücklicherweise sitzt die Außenwirtschaftsabtlg. der Bank in Lagos, so dass nur ein Tag verloren ging, aber tatsächlich geht uns dadurch das kompl. Wochenende verloren. Sie wollen wissen warum?

Man muss nämlich wissen, dass es zwar eine 6-Tage-Arbeitswoche gibt, doch die Angestellten nutzen diese 6 Tage unterschiedlich. höhere Angestellte wohnen nicht in Lagos sondern mit ihren Familien außerhalb und für die Heimfahrt braucht es seine Zeit. Also fährt der gehobene Angestellte ab Fr. 12 Uhr Richtung Heimat und kehrt am Mo. im Laufe des Tages an seinen Schreibtisch zurück. Da er evtl. am Fr. noch wichtige Dinge besorgen muss und am Mo. nicht sofort ins Büro sondern erst in seine Zweitwohnung zurückkehrt um sich dort frisch zu machen, hat die Woche de facto nur drei volle Arbeitstage, der Rest der Woche ist ein Zufallsergebnis. Der niedere Angestellte hingegen wohnt in Lagos, natürlich außerhalb, aber da seine Frau nur selten bis ins Zentrum vordringt, werden wichtige Besorgungen durch den Mann erledigt. Natürlich nicht in seinen Arbeitspausen sondern zwischendurch, d.h. er ist nur sporadisch an seinem Arbeitsplatz. Und da Lagos groß ist und der Verkehr nur im Schritttempo vorankommt, können Besorgungen schon mal einen halben Tag in Anspruch nehmen. Das Büro ist dann abgeschlossen, es gibt keinerlei Hinweise auf seine Rückkehr, auch keinen Vertreter, keiner weiß wann hier wieder der Schreibtisch besetzt sein wird. Das Ergebnis ist das gleiche wie bei seinem Chef: de facto wird auch der kleine Angestellte summa drei Tage sich im Büro aufhalten. Es ist also verständlich, wenn man es vermeiden kann, auf gut Glück ein Amt oder eine Organisation aufzusuchen, man sollte sich immer telefonisch verabreden (sofern man seine Mobil-Nr. kennt, denn die Festnetz-Nr. funktionieren i.d.R. nicht).

Wenn man das alles weiß, bleibt man wesentlich gelassener, wenn es mal wieder nicht vorangeht, aber wir sind ein Stückchen weiter, denn unser Form B liegt wie gesagt bei den Zollbehörden und wenn wir Glück haben ist heute am Samstag auch im Büro der zuständige Mitarbeiter, um unser Papier erneut zu prüfen; damit rechnen wir natürlich nicht, also wird es montags evtl. sogar erst am Di weitergehen. Und jetzt die gute Nachricht: wir glauben beide, kurz vor dem Ziel zu sein, es könnte noch in dieser Woche das Wunder geschehen, dass nämlich unser Agent den Truckfahrer anrufen muss und ihn in den Hafen bestellt, damit er unseren Container auflädt. Dann dauert es noch zwei Tage, aber darüber lassen sie uns sprechen, wenn es soweit ist.

Es gibt auch Nachrichten von unserem Büro-Container und da liegen die Dinge wie folgt: Die für den Hafen zuständige Behörde hat auf Grund der katastrophalen Situation eine Special Task Force eingerichtet, um dem Chaos Herr zu werden. Diese hat empfohlen, alle noch nicht durch Cotecna freigegebenen Container ohne weitere Bearbeitung physikalisch zu inspizieren. Dafür darf der Besitzer eine Strafgebühr von 20 % des Warenwertes bezahlen, also auch wir mit unserem Büro-Container. Auf diese Weise soll der Großteil der im Hafen lagernden Container rauskommen und Platz machen für die neuen Container. Alle Container, die über den Freigabevermerk durch Cotecna verfügen können sich die Art der Inspektion aussuchen: durch Röntgen (das dauert einige Wochen, denn das wollen die meisten) oder durch Besichtigung (das geht schneller denn es gibt nur wenige die diese gründlichere Visite bevorzugen, das sind alle die, die nichts zu verbergen haben, also auch wir).

Am Do. war Y. in Abuja, aber zuvor sollte ich Ihnen die Vorgeschichte kurz erzählen. Denn wir hatten bereits am Mi. telefoniert, da gab es außer dem Stopp durch schlechtes Stempelbild noch einen gänzlich unerwarteten Anruf: der Anruf kam aus Abuja, genauer vom parlamentarischen Ausschuss for Climate Change, der inzwischen P.s Brief erhalten hatte und der einen erheblichen Wirbel auslöste. Der Brief gelangte auch zum Chairman des Commitee for Governmental Affairs Mr. Leo Okuweh Ogor (diesen Namen bitte merken, er wird von Y. jetzt öfter genannt). Dieser Man hat spontan zwei Entscheidungen getroffen: 1. er hat für letzten Do. eine Sitzung seines Ausschusses einberufen, auf der die vorhandenen Ungereimtheiten aufgeklärt werden sollen (eingeladen sind Y., vorgeladen sind Dr. Gardener und Dr. Fodeke) und 2. hat er Y. zu sich nach Hause eingeladen, bitte mit SAVE80. Unseren S80 hatte er schon zwei Tage vorher durch seinen Sekretär aus Kaduna abholen lassen, aber er konnte ihn nicht in Gang setzen, und Y. sollte ihm die Bedienung erklären. Y. hingegen bat darum, ihn kompl. vorzuführen und so geschah es dann auch. In seiner Privatwohnung wurde vor einem größeren Kreis der SAVE80 erklärt (Arbeitsplätze durch Montagearbeiten wurde am Rande erwähnt) und H. hat derweil auf dem 2. Kocher ein leckeres Essen für die Anwesenden zubereitet. Die Begeisterung war wie immer groß und im Laufe des weiteren Gesprächs wurde auch der Speedmaster erwähnt. Damit kannte die Begeisterung keine Grenzen mehr und es wurde ein Gespräch vereinbart, welches der Chairman mit wichtigen Leuten führen möchte, um ein Subventionsprogramm zu starten. Nach knapp zwei Stunden fuhren Y. und H. ziemlich schwindlig nach Hause, denn wenn auch nur ein Teil dessen realisiert wird, was besprochen wurde, haben wir die Schlacht um Nigeria gewonnen.

Am Do also die Anhörung und Y. hat nochmals seinen Leidensweg detailliert geschildert, sowohl die Verzögerungen im Hafen als auch die unklaren Zustände in den Behörden. Nach der Sitzung hat der Vorsitzende erklärt:

  • alle Behinderungen in den Handelsbeziehungen sind auf das Notwendigste zu begrenzen
  • die Zollgebühren sind für Produkte des Umweltschutzes auf Angemessenheit zu überprüfen
  • Es wird eine Bestandsaufnahme durchgeführt um den Kompetenzwirrwarr zu durchleuchten und die Zuständigkeiten werden neu geregelt.
  • Die Chance, dass durch den SAVE80 neue Arbeitsplätze entstehen können, soll unterstützt und gefördert werden
  • es wird eine parlamentarische Debatte über die Privatisierung stattfinden
  • die Kommission für Privatisierung wird aufgefordert, die Mißstände bei der Abfertigung im Hafen aufzudecken und abzustellen.

Und es gibt weitere Neuigkeiten: Spontan ist in Kaduna State eine Polizeisondereinheit eingerichtet worden, die die Forsten überwachen soll. Diese hat umgehend mit ihrer Arbeit begonnen und in kürzester Zeit 300 Lastwagen mit illegalen Holzladungen beschlagnahmt. Daraufhin sind in Kaduna die Holzlieferungen ausgeblieben und der Preis hat sich schlagartig um 300% erhöht. Diese Entwicklung wiederum hat zu einem Andrang im Büro von DARE geführt und unter den Besuchern und Anrufern waren auch erstmals Mamiput, die sofort einen S80 haben und bar bezahlen wollten.

Es ist erst knapp nach 3 Uhr, also habe ich noch etwas Zeit, Euch auch über die letzte Neuigkeit zu informieren. Im Gespräch mit Leo Ogor wurde auch das Thema Mikrofinanzen (MC) angesprochen. Y. hatte beiläufig erwähnt, dass die Finanzierung für die meisten Familien schwierig sei und er nur über ein Ratenzahlungssystem es geschafft hat, den SAVE80 zu verkaufen. Dies verwunderte den Chairman sehr und er verwies auf die MC-Banken im Lande. Y. mußte ihn daraufhin aufklären, dass es nur auf dem Papier MC-Banken gäbe und er auch bereits mehrere Gespräche mit einem Mitarbeiter der MC-Bank in Kaduna geführt habe, ohne sichtbaren Erfolg. Von Leo Ogor erhielt er daraufhin den Namen des Chefs der Filiale und seine Tel. Nr. und das Versprechen, dass dieser von ihm kurzfristig angerufen wird. Und so war es auch, denn einen Tag später rief Y. diese Nr. an und der Mann war bereits instruiert und lud ihn spontan zu sich ins Büro ein.

Und dieses Gespräch, welches sich dann ergab, war wiederum ein sehr erfreuliches und es endete mit dem Ergebnis, dass DARE um Zusammenarbeit bittet (ist schriftl. bereits geschehen). Die Bank sucht händeringend nach Produkten, die die Bankangestellten den Kunden anbieten könnten und unser S80 ist der Prototyp dafür. Der Banker rief daraufhin eine Mitarbeiterin an, die für die Fortbildung der Bankangestellten zuständig ist und die führt just ein Seminar durch. Am Samstag ist Y. und H. auf dieser Fortbildungsveranstaltung und sie werden das Mittagessen zubereiten. Teilnehmer sind Frauen und Männer und Y. ist sicher, dass die meisten auch einen S80 für sich bestellen werden. Wie dann die Kundengespräche ablaufen werden, können wir uns lebhaft vorstellen, denn wer den S80 persönlich kennt und begeistert ist wird diese Begeisterung auch an die Kunden gut weitergeben können. Es ist eine Win-Win-Situation, wie man sie sich besser nicht vorstellen kann.

Y. berichtete dann von den vielen Kooperativen, die bisher - meist erfolgreich - dieses Ratengeschäft selbst organisiert haben und der Banker bot an, alle diese können mit seiner Bank zusammenarbeiten, die Vorfinanzierung wäre dann kein Problem und das Ratengeschäft ebenfalls nicht. Im folgenden Gespräch mit der Fortbildungsbeauftragten berichtete Y. von seinen bisherigen erfolglosen Gesprächen und den Kontakten zu den anderen Bundesstaaten. Dieses machte die Frau sehr hellhörig und sie griff zum Telefon und sprach darüber mit dem höchsten Chef in Lagos. Das Ergebnis dieses Telefonats ist eine weitere Einladung nach Lagos zum obersten Bankchef und dieses Gespräch wird am Di stattfinden.

Jetzt habe ich noch 5 Min. bis 4 Uhr, also kurz noch ein paar persönliche Informationen. Die Temperaturen in Kaduna sind hoch, sehr hoch, tagsüber 37 Grad, kein Wind, um Mitternacht waren es noch 28 Grad. Da es am Abend kein Strom gab sind H. und Ta Dutse relativ früh ins Bett gegangen während Y. bei Kerzenschein und Taschenlampe mit mir telefonierte. Auf meine Frage nach dem Gesundheitszustand seiner Schwiegermutter gab er weitgehende Entwarnung, denn sie kann sich selbstständig versorgen und auch das Erinnerungsvermögen ist zu 80% wieder ok. An Arbeit ist noch nicht zu denken und jetzt ist die afrikanische Großfamilie gefragt, die die Mutter mit durchziehen muss.

Mit Y. werde ich am Mo. Abend telefonieren, dann hoffe ich auf weitere erfreuliche Nachrichten und werde Euch umgehend berichten. Sollte er vorher anrufen, setze ich mich auch vorher an den PC, ist doch klar. Jetzt aber ist Schluss für heute!

Eine schöne Gute Nacht

Bernd

 


Containerschiff



27.01.2009

Nachrichten aus Kaduna Nr. 57

 

Liebe Freunde,

die ersten Nachrichten zum Jahresanfang klangen noch optimistisch, dann allerdings folgten eine Reihe negativer Nachrichten und deswegen schlafe ich nicht mehr so gut wie früher. In meinem ersten Gedanken beim Aufwachen denke ich an meine Situation: Ich liege im warmen Bett, gleich gehe ich ins Badezimmer um mich dort mit sauberen warmen oder kalten Wasser zu waschen, im Schrank finde ich genügend Bekleidung für alle Jahreszeiten, in der Küche ist der Kühlschrank voll mit gesunden Lebensmitteln, im Briefkasten liegt die aktuelle Tageszeitung  und im Portemonnaie ist genügend Geld für den heutigen Einkauf. Mein zweiter Gedanke geht nach Nigeria zu Y. und H.: Sie sind seit 4 Std. auf den Beinen, haben hoffentlich gut geschlafen? War genügend Wasser im Speicher für Waschen und Kochen? Hatten sie ausreichend zu essen? War genügend Holz vorhanden? Konnte das handy über Nacht geladen werden oder war lange Stromausfall? Reicht das Geld im Portemonnaie für den Einkauf von Reis, Maniok und Gemüse?

In den letzten 12 Monaten hatte ich keinen Anlass über ihre wirtschaftliche Situation nachzudenken, es lief bis dahin alles weitgehend problemlos, aber unser Traum, dass der zweite Container bis Weihnachten im Lande ist, hat sich nicht erfüllt. Und wenn keine SAVE80 zu verkaufen sind kommt kein Geld in die Kasse. Das haben die Angestellten schon zu spüren bekommen, alle mussten sich einen Hilfsjob suchen, ob alle wiederkommen wenn der Container eintrifft ist fraglich. Bei Y. und H. reichen die Reserven bis Ende Januar, sonst droht eine Katastrophe. Wie die Aussichten sind, lässt sich schwer beurteilen, zu oft haben wir gedacht, dass jetzt die letzte Hürde genommen sei. Heute habe ich durch das kurze Telefonat mit Y. – er saß im Auto und sie fuhren von Abuja nach Kaduna – wieder neue Hoffnung darauf, dass in den nächsten Tagen unser Container freikommt. Das Wort bezeichnet ziemlich exakt die Situation, denn bis gestern Abend war er verschwunden. Sie fragen zu Recht, wie so etwas passieren kann und ich habe da eine ganz einfache Theorie.

Wir wissen nicht genau wie lange die Hafenverwaltung privatisiert ist, aber die Abfertigung erfolgt nun durch Mitarbeiter einer Firma statt durch die Hafenbeamten. Das war im letzten Jahr schon ein komplizierter und langwieriger Vorgang, doch nach 3 Monaten konnte unser erster Container die Ausfahrt passieren. Jetzt nach „erfolgreicher“ Privatisierung liegt unser Container 4 Monate im Hafen und obwohl wir über alle Papiere verfügen reicht es nicht zur Entlassung. Denn: bedingt durch die schleppende Abfertigung gibt es einen Containerstau und der Hafenmeister hat daraufhin angeordnet, dass die ältesten Container ausgelagert werden müssen (ihnen droht sogar die Gefahr der Auktionierung!). Jetzt liegen etwa 20.000 Container in Lagos und vielleicht 10.000 auf einem ehemaligen Armeegelände weit außerhalb der Stadt mit dem Ergebnis: keiner weiß, welcher Container wo zu finden ist.

Man kann es sich auch an drei Fingern abzählen, dass die Firma kein gesteigertes Interesse daran haben kann, denn für jeden Tag Aufenthalt im Hafen muss der Besitzer eines Containers mind. 10 € Liegegebühr bezahlen, d.h. tägl. sprudeln ca. 1 Mill. € an Liegegebühren in die Kasse. Und da ein Privatunternehmen in erster Linie Geld verdienen und erst in zweiter Linie zufriedene Kunden besitzen soll, gibt es keinen Grund, die Abfertigungsprozeduren zu beschleunigen. Natürlich hofft man, dass die Regierung in einen solchen Vertrag hineingeschrieben hat, dass alles besser werden muss als vorher, also schneller und preiswerter, zum Wohle des Landes Nigeria. Aber dieser Absatz ist vielleicht vergessen worden oder wird nicht so streng beachtet (vielleicht ist der Staat auch an den Gewinnen beteiligt).

Jetzt kennen Sie verehrter Leser unsere Situation und können sich in unseren Seelenzustand hineindenken. Natürlich könnte Y. mit dem Chef des Hafens telefonieren und ihm die Meinung sagen und daran erinnern, dass in Kaduna und Jos die Kundinnen händeringend auf die SAVE80 warten und dass die Angestellten in Kaduna und Jos sehnsüchtig darauf warten endlich wieder arbeiten d.h. verkaufen zu können. Aber seien Sie mal ehrlich: der liebe Y. ist auf diesen Hafenbetrieb angewiesen, hier liegt unser Container, wir haben keine Alternative, sind also dem Wohlwollen ausgeliefert, da sollte man besser ganz ruhig bleiben und höflich anfragen, wann man mit der Auslieferung rechnen könne? Und ob man irgendetwas unternehmen könne, um den Prozess zu beschleunigen? Sie denken bestimmt so wie wir auch: eine kleine Aufmerksamkeit, vielleicht ein SAVE80 als Geschenk und ein Bündel Banknoten im Kuvert, das würde das Geschäft bestimmt beschleunigen.

Wir setzen unsere Hoffnung jetzt mal wieder auf die Politik, denn durch den intensiven Mailverkehr mit dem Chef der Special Climate Change Unit (SCCU) des nigerianischen Umweltministeriums ist es uns nun endlich endlich gelungen, den lang ersehnten Letter of Approval zu erhalten. Dieser ist bei der Einreichung unseres PDD beizufügen und hier sind wir dem Ziel schon sehr nahe. Aber nicht nur wir sind stolz darauf, auch für das nigerianische Umweltministerium ist das erst das zweite Gesuch für ein CDM-Projekt und dies hat die nigerianische Regierung erkannt. Denn zu unserer Verwunderung bekommen wir täglich eine Mail mit „Million thanks“ und sogar Telefonanrufe, wir sind irgendwie da oben angekommen. Bei dieser Gelegenheit hat P. den Anrufer auf unsere speziellen Sorgen und Probleme hingewiesen, auch darum gebeten, den Minister einmal darüber zu informieren und man versprach uns zu helfen (anderenfalls müsste Y. zum Besuch beim Minister ohne einen S80 erscheinen und seine leeren Hände damit begründen, dass alle Kocher noch immer im Hafen schmoren).

Und eine weitere Hilfe haben wir aufgetan: Dank des deutschen Afrikavereins ist es uns gelungen, den Kontakt zur deutsch-nigerianischen Handelskammer herzustellen und der dortige Verantwortliche hat sich sofort eingeschaltet und seinen Unmut über die verzögerte Behandlung geäußert. Als erste Maßnahme wurde die Rechnung reklamiert, zu ungenau und wenig transparent, div. Luftbuchungen, jetzt muss also eine neue geschrieben werden (und wir hoffen dabei, dass einige Positionen entfallen).

Das, lieber Leser, ist die heutige Situation, nicht aussichtslos, jeder Strohhalm ist ein Hoffnungsstrahl. Y. ist jetzt wieder in Kaduna. Geplant war allerdings ein eintägiger Zwischenstopp in Abuja, aber der wurde kurzfristig gecancelt, der Herr Minister hat andere dringende Termine, evtl. nächste Woche. Anstatt nach Lagos zurück zu fliegen hat er sich in ein Auto gesetzt und ist zu seiner Familie nach Kaduna gefahren, wo er sich 2-3 Tage erholen will. In der Zwischenzeit werden unsere Leute sich weiter um den Container kümmern, wir hoffen, dass bis zum Wochenende ein Fortschritt erreicht werden kann. Von hier aus hilft nur Daumendrücken und Y. Mut zusprechen und zum Durchhalten überreden. Ich wünschte es in erster Linie ihm und in zweiter Linie uns natürlich, dass wir bald den Erfolg haben werden, um das Projekt zu einem guten Abschluss zu führen. Wenn es denn doch nur der Schweiß wäre, den uns die Götter abverlangen.

Gute Nacht

Bernd


 

 Mama, die Männer mit der Holzkohle sind da.


13.01.2009

Nachrichten aus Kaduna Nr. 56

 

Liebe Freunde,

die ersten Nachrichten in diesem Jahr aus Nigeria waren weniger erfreulich, aber jetzt scheint sich das Blatt langsam zum Guten zu wenden. Heute habe ich zweimal mit Y. telefoniert und nach jedem der beiden Telefonate klopfte mein Herz vor Freude schneller. Wir hatten gestern Abend vereinbart, dass ich über Western Union ihm 3.500 € übersenden solle, da die schon lange erwartete Überweisung aus Berlin von atmosfair noch immer nicht eingetroffen war. Bevor ich zum Hauptbahnhof fuhr habe ich mich durch einen Anruf bei F. noch vergewissert, dass die Daten für den Geldtransfer stimmten. In der Western Union Filiale noch zückte ich mein handy um Y. die MTC-Nummer und das Geheimwort mitzuteilen, aber soweit kam es nicht, denn er würgte mich mit der Bemerkung ab, dass er erstens nichts zum Schreiben zur Hand hätte denn zweitens saßen sie im Auto und kämen von einer sehr erfolgreichen Demonstration unseres SAVE80. Dann knackte es verdächtig in der Leitung, ich hörte gerade noch „…bis heute Abend“ und Stille kam aus meinem Hörer. Also musste ich warten, hatte dann auch selbst einen Termin wahrzunehmen und erst gegen 22.45 ergab sich eine neue Gelegenheit.

Den Namen, den er mir als erstes in die Feder diktierte war mir bisher unbekannt aber man sollte sich ihn für die Zukunft merken: Pastor Olaiya, ein in Nigeria bekannter Fernsehprediger. Zwar erschien der nicht persönlich im Büro von DARE aber ein Abgesandter, der Y. auf der Stelle mitnehmen wollte, um ihn zum besagten Pastor zu bringen. Aber da er mit Auta gerade an einer Weiterentwicklung des Solartrockners bastelte, wurde kurzerhand beschlossen, an der Werkstatt vorbeizufahren und einen der letzten SAVE80 einzupacken für den Fall der Fälle. Auf der Fahrt zum Camp des Predigers, gelegen an der Straße nach Abuja 33 km südlich von Kaduna, erzählte der Abgesandte einige Details, z.B. dass die Versorgung der 5.000 Gläubigen zum letzten Weihnachtsfest erhebliche Versorgungsprobleme geführt hätte, nicht mit Lebkuchen oder Reis sondern mit dem Brennholz. Pro Tag werden zwei Lastwagen benötigt und der Holzpreis sei so horrend in letzter Zeit gestiegen, dass der Prediger in seiner Weihnachtspredigt öffentlich diesen Zustand geißelte und die Gemeinde um Verbesserungsvorschläge bat. Inzwischen waren sie im Camp eingetroffen und wurden zur Privatwohnung des Pastors gebracht, der sie herzlich begrüßte und die Geschichte zu Ende erzählte. Nach der Predigt kam ein Mann auf ihn zu, der an der ersten Stakeholderkonferenz Nov. 2007 in Kaduna teilgenommen hatte und den SAVE80 also kannte. Dem Prediger allerdings erzählte er, dass man etwa 2-3 dieser Wunderkocher benötigen würde, um die Speisung der 5000 sicher zu stellen. Hier hakte Y. ein und musste diese Zahl korrigieren, denn für solche Mengen würde man mehr als 100 Kocher benötigen aber sehr viel weniger Holz. Und dann packte er unseren S80 aus und zeigte daran alles was man zeigen kann, gekocht wurde nicht, denn die Frau des Predigers hatte sie zu einem Essen eingeladen, außerdem war unser Kocher noch jungfräulich und sollte es auch möglichst bleiben.

Dennoch waren sowohl der Prediger als auch seine Frau von den Erzählungen so beeindruckt, dass eine spontane Einladung für den 1. Febr. ausgesprochen wurde. An diesem Sonntag wird ein Gottesdienst nur für Frauen stattfinden und anschließend werden H. und Y. unseren SAVE80 vorführen. Sie rechnen mit etwa 500 Frauen, ob sie diese alle bekochen werden ist noch zu klären, aber das wäre natürlich eine dolle Geschichte. Zumindest konnte die Frau ihnen schon so versichern, dass, wenn das stimmt was sie jetzt gehört hat, alle diese Frauen potentielle Käuferinnen sein werden. Das Ratenzahlungsgeschäft sollte auch kein Problem sein, denn dieses würde eine Frau übernehmen und Y. braucht nur am Monatsende zu kommen um den Betrag abzukassieren. Und der Priester bat förmlich darum, dass man seinen Leuten die Kochermontage erklären möge, bei ihm wohnen genügend junge Menschen, die keine Arbeit hätten und gerne sich damit beschäftigen würden. An diesem Sonntag werden sie schwer beladen aufbrechen, denn Y. hatte natürlich erwähnt, dass sie nicht nur mit dem SAVE80 unterwegs sind sondern auch Solartrockner und Safterzeuger im Angebot haben. Dies hat, wir haben es erwartet, zu der Bitte geführt, alle diese herrlichen Dinge mitzubringen und vorzuführen.

Damit war das Gespräch noch nicht zu Ende, denn auf die Frage, wann geliefert werden kann, berichtete Y. von den augenblicklichen Problemen. Pastor Olaiya wusste auf Anhieb keinen Rat, in Lagos kennt er nur wenige einflussreiche Persönlichkeiten, schon gar keinen der in der Hafenverwaltung arbeitet. Aber er hätte einen guten Freund, der in Abuja in einer wichtigen Kommission säße und auf Nachfrage erfuhr der erstaunte Y., dass damit der Vorsitzende der Kommission für den Klimawandel gemeint ist. Unser Pastor wunderte sich dann über die Reaktion von Y., ein Zwischending von Kniefall und Umarmung, denn der Vorsitzende dieser Kommission, der den Originaltitel „Chairman of House Committee on Climate Change“ trägt, ist der Vorsitzende von unserem geschätzten Freund Dr. Fodeke. Er, Pastor Olaiya wird gleich morgen bei ihm anrufen und bitten, dass er Y. in Abuja empfängt um sich diese unglaubliche Geschichte anzuhören.

Die zweite gute Nachricht kam ganz unverhofft als Y. mir berichtete, dass er in wenigen Stunden um 7.30 nach Lagos starten wird. Ich fragte beiläufig, ob denn das Geld aus Berlin schon eingetroffen sei woraufhin er mir antwortete, das benötige er nicht mehr, denn ich habe ihm doch vor ein paar Std. die fehlenden 3.000 € überwiesen. Nun wurde mir klar dass es in den letzten 72 Std. ein Missverständnis zwischen uns gegeben hat, denn ich meinte verstanden zu haben, er benötige 3.000 € zusätzlich. und jubelte jetzt leise, als ich kapierte: morgen wird er aus Lagos den Container abholen können.

Im Laufe unseres Gespräches wurden wir beide trotz vorgerückter Stunde immer munterer, denn es zeichnen sich ungeahnte Möglichkeiten damit ab. Eine zentrale Rolle spielt dabei der Speedmaster, der neue große SAVE80. Wir würden H. Koch gerne nach Abuja einladen, damit dieser Chairman unsere neue Entwicklung kennen lernen kann. Und wenn zu dieser Vorstellung der neue Verteidigungsminister Dr. Shettima Mustapha, den Y. noch aus der Zeit kennt, als dieser Landwirtschaftsminister war, dazugeladen wird, dann könnte dies eine großartige Werbung für unser neuestes Kind sein. Y. wird den Speedmaster auch am Do. anlässlich seiner Audienz beim Gouverneur von Bauchi, Mr. Isa Yuguda erwähnen und wir werden sehen, wie er darauf reagiert. Wir könnten uns auch gut vorstellen, dass der Chairman die Gouverneure der nördl. Bundesstaaten zu einer solchen Demonstration einlädt, wenn wir ihn hiervon überzeugen können. Es gab plötzlich viele Ideen.

Der Tag Morgen in Lagos wird anstrengend und kurz, denn am frühen Abend will er zurück, nicht nach Kaduna sondern weiter bis Kano, dort wartet Abba Bello und beide werden sich direkt auf den Weg nach Bauchi machen, um am Do. früh pünktlich beim Gouverneur antreten zu können. Am Abend aber will er, hoffentlich mit guten Nachrichten bepackt, dann doch zurück in Kaduna sein und ich kann es kaum erwarten, davon zu erfahren, schlechte Nachrichten habe ich in den letzten Wochen genug erfahren.

Ganz zum Schluss dann doch noch eine weniger gute Nachricht: das EVU in Kaduna erhöht die Preise, um ca. 400 %. Dies alleine schon ist eine schlechte Nachricht doch hinzukommt, dass der Kunde auch den Strom bezahlen muss, den er beziehen wollte, der aber aus Strommangel oder wegen techn. Probleme nicht geliefert werden konnte. Y. will dieses Spielchen nicht mitmachen und bittet uns daher, die vorhandene Solar-Power-Box so aufzurüsten, dass er seinen gesamten Strombedarf daraus decken kann. Lieber H., lass Dir ‚mal etwas dazu einfallen, den Strombedarf wird Y. uns in den nächsten Tagen durchgeben.

Ich würde jetzt am liebsten nach Nigeria fliegen um Y. seinen Wunsch nach mehr sauberen Strom zu erfüllen, aber zuerst muss ich mir diesen Traum im Schlaf erfüllen.

Gute Nacht.

Bernd

 

 

Wöchentlicher Wasserbedarf  für eine afrikanische Familie oder zum Duschen für einen Europäer .



11.01.2009

Nachrichten aus Kaduna Nr. 55

 

Liebe Freunde,

meine ersten Nachrichten in diesem Jahr aus Nigeria, obgleich ich schon mehrmals mit Y. telefoniert habe, nicht sehr lange, aber immerhin habe ich mich erst heute aufraffen können, darüber zu berichten. Der Grund ist leicht erklärt: die Nachrichtenlage ist wenig positiv und schließt sich damit nahtlos an den letzten Brief an. Obwohl wir schon große Hoffnung hatten, dass der Durchbruch gelungen sei, gibt es unerwartet neue Probleme. Man will es nicht glauben, aber die Gerüchteküche brodelt über. Diesmal wird kolportiert, dass der Containerhafen in Lagos aus allen Nähten platzt und um Abhilfe zu schaffen sollen die ältesten Container meistbietend versteigert werden. Damit setzt natürlich ein Run auf die Container ein, die schon lange hier liegen und es werden von den Besitzern Sonderzahlungen geboten, um seinen gefährdeten Container schnell raus zu bekommen. Wir können es nicht fassen, denn die Verzögerungen sind hausgemacht, die Prüffirmen arbeiten schlampig, vielleicht auch, um der Hafenbehörde hohe Liegegebühren in die Hand zu spielen? Nicht ganz unmöglich, dass beide Organisationen unter einer Decke stecken und zusammenarbeiten.

Wir haben Protest eingelegt und am Mo. soll uns der Hafenmanager erklären, warum wir für die verzögerte Bearbeitung eine Sonderzahlung leisten sollen, es wurden uns 3.500 € genannt. Mit viel Wut im Bauch habe ich den Betrag zusammengekratzt, falls es nicht noch zu einer Reduzierung kommt werde ich diese Summe an Y. überweisen, es ist nicht leicht die Zusammenarbeit mit Afrika. Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie Y. zumute ist, denn der Container steht praktisch schon auf der Türschwelle, zum Greifen nahe. Hinzu kommt, dass auch die Überweisung des Zollgeldes noch aussteht, obwohl fast drei Wochen seit der Einzahlung vergangen sind. Wir wollen am Mo. einen Nachforschungsauftrag starten.

Y. hat nach mehreren Tagen ergebnislosen Aufenthaltes in Lagos die Stadt verlassen und befindet sich wieder in Kaduna, noch sind die Temperaturen erträglich, aber das Thermometer steigt allmählich. Zur Zeit des Telefonates waren es 28 Grad mit der Folge, dass nachts wieder die Moskitos kommen. Das Schlafen mit Moskitonetz ist mühsam, jeder Ritz wird von den Quälgeistern gefunden, man darf sich kaum bewegen darunter. Das ist für Erwachsene schon eine Tortur, wie ergeht es erst den Kindern? Ich kann mir das kaum vorstellen. Zum Glück hat er von Dr. Gruhl ein sehr wirkungsvolles Mittel zum Einreiben bekommen: No bite. Nomen est omen, aber ob die Moskitos das auch verstehen?

Wir planen, uns Unterstützung bei den Gouverneuren der nördlichen Bundesstaaten zu holen und dazu würden wir sogar bis nach Genf fahren, denn dort treffen sich viele der Gouverneure zum Rencontre 2009 in der nigerianischen Botschaft bei der UN (davon habe ich im letzten Brief bereits ausführlich berichtet). Aber wir benötigen einen Fürsprecher für unser Vorhaben und erhoffen, dass der Gouverneur von Bauchi uns zur Seite steht. Jedenfalls hat Y. am Do. eine Audienz bei ihm und Y. will unser Anliegen vortragen, auch wenn bis dahin unser Container freigekommen sein sollte. Anderenfalls hoffen wir auf die Unterstützung der Bundesstaaten, die noch stärker als die Bundesregierung an einem Fortschritt interessiert sein müsste.

Die schlechten Nachrichten reißen derzeit nicht ab. Zwar hat der TÜV-Nord seine Stellungnahme zu unserem PDD abgegeben (den sog. Draft Validation Report), doch ermahnt er uns darin, baldmöglichst den Letter of Approval vorzulegen. Nach diesem Letter jagen wir aber schon seit Wochen hinterher wie nach einem Geist, denn die zuständige Instanz in der nig. Regierung nimmt sich viel Zeit damit. Und zudem hat noch ein Ministerwechsel im Umweltministerium für zusätzliche Verzögerung gesorgt. Obgleich wir den zuständigen Abteilungsleiter mit einem SAVE80 beglückt haben, gibt es nur Ausflüchte zu hören, es ist zum Haareraufen. Wir haben auch schon das deutsche Außenministerium eingeschaltet, aber da erwarten wir wohl etwas viel von der deutschen Außenpolitik, die hat alle Hände voll zu tun in Israel.

Y. denkt an die nächste Zukunft, in 6 Wochen startet die nächste Kaduna-Messe. Neben dem SAVE80 – sofern der Container inzwischen aus dem Hafen raus ist – würde er gerne den Solartrockner zeigen, doch fehlt ihm ein Ventilator und ein Solarmodul, um einen großen Tisch umzubauen. Notfalls muss er den kleinen vorhandenen Biertisch nehmen, das hat schon ganz gut funktioniert. Was uns noch fehlt ist ein Thermometer, da die Temperaturen die 60 Grad möglichst nicht übersteigen sollten. Und dann noch ein Feuchtigkeitsmesser um sicher festzustellen zu können, wann der Trockenvorgang abgeschlossen ist. Zwei Interessenten haben sich schon bei ihm gemeldet, ausgelöst durch die Stakeholder-Konferenz. Aber derzeit haben wir kein Kapital für Investitionen dieser Art, es müssen zuvor ein paar Geräte, z.B. die Dampfentsafter, verkauft werden, um Geld in die Kasse zu bekommen. Jetzt weiß ich wie es ist, wenn Unternehmen über keine ausreichende Eigenkapitalbasis verfügen, man pfeift buchstäblich auf dem letzten Loch.

Ich werde jetzt mich zur Ruhe begeben, ohne Moskitos und 24 Std. lang mich anderen Dingen ablenken, das gibt neue Kraft, davon brauchen wir derzeit jede Menge.

Bernd

 



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